Zunächst Beschreibung der Charaktere; die Charaktere gehen aus den Umständen hervor.
Die Charaktere sehr sauber festhalten: die Ereignisse bloß en masse, die Details nur in dem Maße zulassen, als sie sich einstellen (12. Dezember 1882).
Grund: man denkt nur im Augenblicke des Schreibens selber wirklich und ernsthaft an die Details. Ohne mir das vorher zu sagen, habe ich so in Le Rouge gehandelt. Das Detail strömte mir im Schreiben erst zu.
Statt das Buch mit dem Stumpfsinn der Beschreibung nach der Methode Walter Scotts zu beginnen, könnte man anfangen mit der Charakteranalyse der Herzogin, wie ich diese mir aufschrieb im September 1882. Ich fand am 12. Dezember diese zwei Seiten vortrefflich, 440und hatte sie während der Bataillen von Vidau völlig vergessen.
Nach diesen beiden Seiten die Beschreibung der Rue de Palais, und die Soiree oder den Empfang bei der Herzogin.
Die Herzogin. Madame la Duchesse de Vaussay, über dreißig alt, eine Leidenschaftliche. Fortgerissen von einem Feuertemperament ergab sie sich allen Freuden und Genüssen, hatte aber doch immer die höchste Idee von der Pflicht, nicht eine vernünftige Idee, sondern eine ganz abergläubische, deren Fond sie niemals untersuchte und deren sie sich aus ihrer Leichtigkeit, gerührt zu werden, bemächtigt hatte.
Sie hat, wie man sagt, einige Liebhaber gehabt, und ist das ohne weiteres zu glauben; ihre Seele war Leben und Bewegung; immer war sie von den geschickten Manövern eines Mannes fortgerissen, der Frauen zu haben gewohnt war, oder sie erlag mit blinder Leidenschaft einem wirklich von ihr eingenommenen Manne. Niemals liebte sie als die erste, niemals wollte sie sich hingeben, sondern voller Gewissensqualen über ihren Fall, dem sie ruhigen Blutes nicht ins Gesicht schauen konnte, glaubte sie ihn auslöschen zu können, indem sie dieses Gewissen durch eine völlige Unterwerfung unter den Mann beschwor, der gerade ihr Herr war. In ihrem guten Glauben hielt sie sich noch durch eine befehlende Pflicht gebunden, wenn ihr Verstand ihr schon deutlich sagte, daß der Mann, dem sie ihr Herz bewahrte, längst eine andere anführte.
Roizard. For me. In einem Wort ist Roizard der idealisierte Dominique. Ersichtlich höchst wechselvollen veränderlichen Charakters; ein Wort bringt ihn das eine Mal zu Tränen, das andere Mal macht es ihn ironisch, 441hart, aus Angst, davon weich zu werden und sich hinterher dieser Schwäche wegen zu verachten. Er war von mittlerer Größe und zählte über vierzig Jahre. Seine Züge waren groß, nicht schön, aber höchst beweglich. Seine Augen drückten die geringste Nuance seiner Gefühle aus. Und darüber war sein Stolz verzweifelt. Da er dieses Malheur fürchtete, war er brillant, witzig, voller amüsanter Geschichten, elektrisierte seine Zuhörer und machte das Gähnen im Salon unmöglich. In solchen Augenblicken erregte er Abneigungen wie heftigste Bewunderung seiner Person. Man kann nicht geistvoller sein, sagten seine Bewunderer. Aber die Mittelmäßigen erschreckte die Lebhaftigkeit seines Imprevu. Ohne Emotion war er ohne Geist. Im übrigen war sein Erinnerungsvermögen schwach, oder er mißachtete, es zu Hilfe zu rufen. Dann war sein Wort so diskret wie indiskret der Ausdruck seiner Physiognomie. Daß man erriete, was er fühlte, hätte seinen Stolz zur Verzweiflung gebracht. Das Pompöse — la sostenutezza — im Ausdruck eines Gefühles, Affektation im Ausdruck eines Schmerzes waren ihm fremd und zuwider, so legitim solcher Ausdruck auch sein mochte; in solchen Fällen war Roizard Ironie in Blick und Wort. Seriöses, Pompöses, Trauriges waren nie in seiner Konversation, und nie sprach er von dem einzigen, das ein Recht auf sein Interesse hatte; ein echtes Gefühl oder Heroismus, die sich für das Vaterland opferten.
Wie weit darf der familiäre Ton des Verfassers dieses Romans gehen? Die außerordentliche Familiarität Walter Scotts und Fieldings bereitet sehr gut die Momente des Enthusiasmus vor. Ist der Ton in Le Rouge nicht zu römisch? 4. Oktober 1832.