Als er am Boden war, behauptete er aber, nichts zu wissen; man zog ihn von neuem hoch. Nach einer halben 48Stunde ließ man ihn herunter; er setzte auseinander, daß er erst seit kurzer Zeit mit dem Dienst bei der Herzogin betraut sei. Da es möglich war, daß dieser Mann nichts wußte, schickte man ihn ins Gefängnis zurück. Alle diese Dinge hatten viel Zeit in Anspruch genommen, weil man jedesmal die Wachen wieder hinausschickte. Die Wachen sollten glauben, daß es sich um einen Vergiftungsversuch mit dem Gift der Kröten handle.

Die Nacht war schon weit vorgeschritten, als der Herzog Marcello Capecce holen ließ. Als die Wachen draußen waren und man die Tür fest verschlossen hatte, sagte er ihm:

‚Was hattet Ihr im Schlafgemach der Herzogin zu suchen, daß Ihr dort bis ein Uhr, bis zwei Uhr und manchmal bis vier Uhr morgens bliebt?‘

Marcello leugnete alles; man rief die Wache, und er wurde aufgehängt; das Seil verrenkte ihm die Arme; er konnte den Schmerz nicht aushalten und verlangte, herabgelassen zu werden; man setzte ihn auf einen Schemel, aber einmal so weit, verwirrte er sich in seiner Rede und wußte eigentlich nicht mehr, was er sagte. Man rief die Wachen herbei, die ihn von neuem hochzogen; nach einer langen Zeit verlangte er, heruntergelassen zu werden. Er sagte:

‚Es ist wahr, daß ich zu dieser ungewöhnlichen Stunde in die Gemächer der Herzogin eingetreten bin, doch hatte ich ein Liebesverhältnis mit der Signora Diana Brancaccio, einer der Damen Ihrer Exzellenz, welcher ich die Ehe versprochen habe, und die mir alles gewährt hat, was nicht gegen die Ehre war.‘

Marcello wurde in sein Gefängnis zurückgeführt, wo man ihn dem Hauptmann und Diana gegenüberstellte, welche alles leugnete.

49Darauf führte man Marcello wieder in den unteren Saal; als wir nahe der Tür waren, sagte er:

‚Herr Herzog, Eure Exzellenz wird sich erinnern, daß sie mir das Leben zusicherten, wenn ich die volle Wahrheit sagen würde. Es ist nicht nötig, mich von neuem anzubinden; ich werde alles gestehen.‘

Dann näherte er sich dem Herzog und sagte ihm mit zitternder und kaum verständlicher Stimme, daß es wahr sei, daß er die Gunst der Herzogin genossen habe. Auf diese Worte hin warf sich der Herzog auf Marcello und biß ihn in die Wange, dann zog er seinen Dolch, und ich sah, daß er den Schuldigen erstechen wollte. Ich sagte da, daß es gut wäre, wenn Marcello eigenhändig aufschriebe, was er soeben gestanden hätte und daß dies Schriftstück Seiner Exzellenz zur Rechtfertigung dienen würde. Man trat in den unteren Saal ein, wo sich alles befand, was zum Schreiben nötig war; aber das Seil hatte Marcello so am Arm und an der Hand verletzt, daß er nichts weiter schreiben konnte, als diese wenigen Worte: ‚Ja, ich habe meinen Herrn verraten; ja, ich habe ihm die Ehre genommen.‘

Der Herzog las mit, während Marcello schrieb. In diesem Augenblick stürzte er sich auf Marcello und versetzte ihm drei Dolchstöße, die ihm das Leben nahmen. Diana Brancaccio war da, drei Schritte entfernt, mehr tot als lebendig; sie bereute ohne Zweifel tausend- und abertausendmal, was sie getan hatte.