Diese Kirche bringt das bewundernswerte Ereignis hervor: der heilige Papst Leo widersteht ohne jede materielle Macht dem wilden Attila und seinen barbarischen Scharen, die China, Persien und die Gallier in Schrecken versetzt hatten.
So hat die Kirche, wie die absolute, nur durch Chansons gemäßigte Macht, welche man die französische Monarchie nennt, sonderbare Dinge hervorgebracht, welche die Welt vielleicht niemals gesehn hätte, wenn sie diese beiden Einrichtungen hätte entbehren müssen.
Unter diese guten oder schlechten, immer aber sonderbaren und seltsamen Dinge, die Aristoteles, Polybius, Augustus und alle andern Köpfe des Altertums sehr in Erstaunen gesetzt hätten, stelle ich ohne Zögern den modernen Charakter des Don Juan. Er ist, wie ich meine, ein Produkt der asketischen Institutionen, welche die Päpste nach Luther geschaffen haben; denn Leo X. und sein Hof folgten noch ungefähr den Prinzipien der Religion Athens.
65Molières Don Juan wurde zu Beginn der Regierung Ludwig XIV., am 15. Februar 1665 aufgeführt; dieser Fürst war damals noch nicht im geringsten fromm und trotzdem ließ die kirchliche Zensur die Szene des Armen im Walde streichen. Diese Zensur wollte, um sich Nachdruck zu verschaffen, dem so wunderbar unwissenden König einreden, daß das Wort Jansenist gleichbedeutend mit Republikaner sei.
Das Original ist von dem Spanier Tirso de Molina; eine italienische Truppe spielte gegen 1664 eine Nachdichtung davon in Paris und erregte Aufsehn. Das Stück ist vielleicht die am meisten gespielte Komödie der Welt, denn sie handelt vom Teufel und von der Liebe, von der Furcht vor der Hölle und von einer überschwenglichen Leidenschaft für eine Frau, von allem also, was es Schreckliches und Liebliches in den Augen der Menschen gibt, sofern sie nur aus dem Zustand der Wilden heraus sind.
Es ist nicht erstaunlich, daß das Bild des Don Juan durch einen spanischen Dichter in die Literatur eingegeführt worden ist. Die Liebe nimmt eine große Stelle im Leben dieses Volks ein; sie ist da eine ernste Leidenschaft, imstande, mit Gewalt alle andern sich zu unterjochen, sogar die Eitelkeit. Ebenso ist es in Deutschland und in Italien. Wohl überlegt ist einzig und allein Frankreich vollkommen frei von dieser Leidenschaft, um derentwillen andere Nationen so viele Torheiten begehn, wie zum Beispiel ein armes Mädchen zu heiraten, unter dem Vorwand, daß sie hübsch und daß man in sie verliebt sei. Den Mädchen, welchen nichts als die Schönheit fehlt, fehlt es nicht an Bewunderern in Frankreich; wir sind unvorsichtige Leute. Anderswo sind sie darauf angewiesen, Nonne zu werden, weshalb die Klöster in Spanien 66unentbehrlich sind. Die Mädchen bekommen in diesem Lande keine Mitgift und dies Gesetz hat den Triumph der Liebe gesichert. Hat sich die Liebe in Frankreich nicht ins fünfte Stockwerk zurückgezogen, das heißt, zu den Mädchen, die sich ohne Vermittlung des Notars und der Familie verheiraten?
Man soll hier nicht an den Don Juan des Lord Byron denken, der nichts als ein Faublas ist: ein schöner, unbedeutender junger Mann, auf den sich die unwahrscheinlichsten Arten und Gattungen des Glücks stürzen.
Es war, wie gesagt, in Italien, und zwar erst im sechzehnten Jahrhundert, daß dieser sonderbare Charakter zum erstenmal auftauchte. Es war in Italien, und zwar im siebzehnten Jahrhundert, daß eine Fürstin sagte, als sie am Abend eines sehr heißen Tages mit Entzücken ein Eis nahm: ‚Wie schade, daß Gefrorenes zu essen nicht eine Sünde ist!‘
Diese Gefühlseinstellung bildet nach meiner Ansicht die Charaktergrundlage des Don Juan und dazu gehört, wie man sieht, die christliche Religion.
Ein neapolitanischer Autor meint dazu: „Ist es nichts, dem Himmel Trotz zu bieten und dabei zu glauben, daß im gleichen Augenblick Euch der Himmel zu Staub zermalmen kann?“ Davon, sagt man, rühre die unvergleichliche Wollust her, eine Nonne als Geliebte zu haben, eine von Frömmigkeit erfüllte Nonne, die weiß, daß sie Böses tut und Gott so leidenschaftlich um Verzeihung anfleht, wie sie leidenschaftlich sündigt.