Bernardo Cenci ähnelte völlig seiner Schwester, und da er die Haare lang wie sie trug, hielten ihn viele Leute, als er das Schafott bestieg, für Beatrice.
Die Sonne war so glühend gewesen, daß mehrere Zuschauer dieser Tragödie noch in der Nacht starben, unter ihnen Ubaldo Ubaldini, ein selten schöner Jüngling, der sich bisher immer vollkommener Gesundheit erfreut hatte. Er war der Bruder des in Rom sehr bekannten Signor Renzi. So stiegen die Schatten der Cenci wohlgeleitet hinunter.
Gestern, am Dienstag, dem 14. September 1599, machten die Büßer von San Marcello gelegentlich des Festes des heiligen Kreuzes von ihrem Vorrecht Gebrauch, um Bernardo Cenci aus seinem Gefängnis zu befreien, der sich dafür verpflichtete, binnen eines Jahres 400 000 Francs für die allerheiligste Dreifaltigkeit von Pontus Sixtus zu stiften.
Von anderer Hand ist hier hinzugefügt:
Von ihm stammen Francesco und Bernardo Cenci ab, die heute noch leben.
Der berühmte Farinacci, der durch seine Hartnäckigkeit das Leben des jungen Cenci rettete, hat sein Plaidoyer veröffentlicht. Er gibt nur einen Auszug aus dem Plaidoyer Nr. 66, das er Clemens VIII. zu Gunsten der 104Cenci vortrug. Dies Plaidoyer, in lateinischer Sprache verfaßt, würde sechs große Seiten ausfüllen, und leider kann ich es hier nicht unterbringen; es zeichnet die Art des Denkens von 1599; und es scheint mir sehr vernünftig. Viele Jahre nach 1599 fügte Farinacci, als er sein Plaidoyer herausgab, folgende Bemerkung dem hinzu, was er zu Gunsten der Cenci gesagt hatte: Omnes fuerunt ultimo supplicio effecti, excepto Bernardo qui ad triremes cum bonorum confiscatione condemnatus fuit, ac etiam ad interessendum aliorum morti prout interfuit.
Das weitere dieser lateinischen Anmerkung ist rührend, aber ich vermute, daß der Leser einer so langen Erzählung schon müde ist.
105ZU VIEL GUNST SCHADET
106ÜBERTRAGEN VON M. VON MUSIL
107In einer Stadt Toskanas, die ich nicht nennen werde, gab es im Jahre 1589 und gibt es noch heute ein düsteres und weitläufiges Kloster. Seine schwarzen wohl fünfzig Fuß hohen Mauern verfinstern ein ganzes Straßenviertel. Drei Straßen werden von diesen Mauern begrenzt; an der vierten Seite breitet sich der Garten des Klosters aus, der bis zum Stadtwall reicht. Diesen Garten umgibt eine weniger hohe Mauer. Die Abtei, der wir den Namen Santa Riparata geben wollen, nimmt nur die Töchter des höchsten Adels auf. Am 20. Oktober 1587 waren alle Glocken des Klosters in Bewegung; die Kirche war für die Gläubigen offen und mit prachtvollen Wandteppichen aus rotem mit reichen Goldfransen verziertem Damast ausgeschlagen. Die fromme Schwester Virgilia, die Geliebte des neuen Großherzogs von Toskana, Ferdinand I., war am Abend vorher zur Äbtissin von Santa Riparata erhoben worden, und der Bischof der Stadt, von seinem ganzen Klerus gefolgt, war zur feierlichen Einsetzung gekommen. Die ganze Stadt war in Aufregung und das Gedränge in den Gassen um Santa Riparata so groß, daß es unmöglich war, dort durchzukommen.