Also, gütiger Leser, suche hier nicht eine beziehungsreiche, leichte Schreibweise, die von frischen Anspielungen auf die Art des modernen Empfindens glänzt, erwarte nicht etwa die spannenden Erregungen eines Romans der George Sand; diese große Schriftstellerin hätte ein Meisterwerk aus dem Leben und dem Unglück der Vittoria Accoramboni gemacht. Die wahrheitsgetreue Erzählung, die ich darbiete, kann nur die bescheidenen Vorzüge der Historie haben. Wenn man aber zufällig bei einbrechender Nacht allein im Postwagen sitzt und sich anschickt, über die große Kunst der Ergründung des menschlichen Herzens nachzudenken, wird man die Begebenheiten dieser Erzählung als Grundlage seiner Beurteilung annehmen können. Der Verfasser sagt alles, erklärt alles, überläßt nichts der Einbildungskraft des Lesers; er schrieb die Geschichte zwölf Tage nach dem Tod der Heldin.
Vittoria Accoramboni stammte aus altadeligem Geschlecht einer kleinen Stadt des Herzogtums Urbino, die Agubio heißt. Schon von Kindheit an fiel sie allen durch ihre seltene, ungewöhnliche Schönheit auf. Aber diese Schönheit war ihr geringster Reiz. Nichts fehlte ihr, was ein Mädchen von vornehmer Geburt bewundernswert macht, aber nichts war so bemerkenswert, ja, man kann sagen: keine unter so vielen außerordentlichen Eigenschaften grenzte so ans Wunderbare, wie eine ganz eigne reizende Anmut, welche ihr beim ersten Anblick Herz und Willen eines jeden gewann. 166Und diese Natürlichkeit, die dem geringsten ihrer Worte Macht verlieh, war nicht durch den leisesten Anflug von Künstelei getrübt; von Anfang an faßte man Zutrauen zu dem vornehmen Mädchen, dem eine so ungewöhnliche Schönheit verliehen war. Mit äußerster Kraftanstrengung hätte man diesem Zauber vielleicht widerstehen können, solange man sie nur gesehen hätte; aber wenn man sie sprechen hörte und besonders, wenn man in eine Unterhaltung mit ihr geriet, war es ganz unmöglich, sich [einen] so ungewöhnlichen Reiz zu entziehen.
Viele junge Kavaliere aus Rom, wo ihr Vater wohnte und man seinen Palast noch heute auf der Piazza Rusticucci nahe Sankt Peter sehen kann, warben um ihre Hand. Es gab viel Eifersucht und Nebenbuhlerschaft; aber schließlich gaben Vittorias Eltern Felice Peretti den Vorzug, dem Neffen des Kardinals Montalto, der später der glücklich herrschende Papst Sixtus V. geworden ist.
Felice war der Sohn Camilla Perettis, einer Schwester des Kardinals und hieß früher Francesco Mignucci. Er nahm den Namen Felice Peretti erst an, als er von seinem Oheim in aller Form adoptiert wurde.
Als Vittoria in das Haus Peretti einzog, brachte sie, ohne daran zu denken, jenes Überstrahlende mit, das man schicksalhaft nennen kann; so daß man sagen möchte: um sie nicht anbeten zu müssen, dürfte man sie nie gesehen haben. Die Liebe, die ihr Mann für sie fühlte, ging bis zum Wahnsinn; ihre Schwiegermutter und der Kardinal Montalto selbst schienen auf Erden keine andre Beschäftigung zu haben, als die Wünsche Vittorias zu erraten, um sie sogleich zu erfüllen. Ganz Rom staunte, wie dieser Kardinal, der ebenso durch die 167Geringfügigkeit seines Vermögens, wie durch seinen Abscheu vor jedem Luxus bekannt war, jetzt ständig Freude daran fand, allen Wünschen Vittorias zuvorzukommen. Jung, im Glanz ihrer Schönheit und von allen angebetet, unterließ sie es nicht, bisweilen recht kostspielige Einfälle zu haben. Vittoria empfing von ihren neuen Verwandten die kostbarsten Schmucksachen, Perlen und überhaupt alles, was bei den Goldarbeitern Roms, die damals sehr gut versorgt waren, als Seltenheit galt.
Aus Liebe zu dieser liebenswürdigen Nichte behandelte der wegen seiner Strenge so bekannte Kardinal Montalto die Brüder Vittorias, als ob sie seine eignen Neffen wären. Ottavio Accoramboni wurde, kaum dreißig Jahr alt, durch die Vermittlung des Kardinals Montalto vom Herzog von Urbino zum Bischof von Fossombrone vorgeschlagen und vom Papst Gregor XIII. dazu ernannt; Marcello Accoramboni, ein Jüngling von ungestümem Mut, mehrerer Verbrechen angeklagt und eifrig von der Corte verfolgt, war mit größter Mühe den Verfolgungen entgangen, die leicht zu seinem Tode hätte führen können. Durch die Protektion des Kardinals gestützt, konnte er eine gewisse Ruhe wieder erlangen.
Ein dritter Bruder Vittorias, Giulio Accoramboni, wurde vom Kardinal Alessandro Sforza zu den ersten Ehrenposten seines Hofs zugelassen, kaum, daß der Kardinal darum ersucht hatte.
Mit einem Wort, wenn die Menschen ihr Glück nicht an der unendlichen Unersättlichkeit ihrer Wünsche messen würden, sondern am wirklichen Genusse aller Vorteile, die sie schon besitzen, so hätte den Accoramboni die Heirat Vittorias mit dem Neffen des Kardinals 168Montalto als Gipfel menschlicher Glückseligkeit erscheinen müssen. Aber dies unsinnige Verlangen nach unermeßlichen und unvorstellbaren Vorteilen treibt selbst Menschen, die auf der Höhe des Glücks stehen, in seltsame und gefährliche Bahnen.
Es ist wohl wahr: wenn irgendeiner der Verwandten Vittorias, in dem Wunsch, zu größerem Reichtum zu gelangen, dazu beigetragen hätte, sie von ihrem Gatten zu befreien, — wie ja in Rom vielfach Verdacht gehegt wurde —, so hätte er bald nachher erkennen müssen, wieviel weiser es gewesen wäre, sich mit den mäßigen Vorteilen eines angenehmen Glücks zu begnügen, welches ja so bald danach zu all dem aufgestiegen wäre, was menschlicher Ehrgeiz nur wünschen kann.