Es ist wohl wahr, daß einige Männer in diesem Konsistorium, die mehr Erfahrung in höfischer Art hatten, diese scheinbare Unempfindlichkeit nicht einem Mangel an Gefühl, sondern einer großen Verstellungsgabe zuschrieben, und diese Auffassung wurde bald nachher von den meisten Angehörigen des Hofes geteilt; denn es war nutzbringend, sich von einer Beleidigung nicht 172zu tief verletzt zu zeigen, deren Urheber zweifellos hochgestellt war, und später vielleicht den Weg zur allerhöchsten Würde verhindern könnte.
Was immer auch die Ursache dieser augenscheinlich vollständigen Unempfindlichkeit sein mochte, war es doch sicher, daß sie ganz Rom und den Hof Gregors XIII. mit einer gewissen Bestürzung erfüllte. Aber, um auf das Konsistorium zurückzukommen: als alle Kardinäle versammelt waren und der Papst selbst in den Saal trat, wandte er sogleich die Augen zum Kardinal Montalto, und man sah Seine Heiligkeit Tränen vergießen; was den Kardinal betrifft, so verloren seine Züge nicht ihre gewohnte Unbeweglichkeit.
Das Staunen verdoppelte sich, als im gleichen Konsistorium die Reihe an den Kardinal Montalto kam, sich vor dem Thron Seiner Heiligkeit niederzuknien, um über die Angelegenheiten, mit denen er betraut war, Bericht abzulegen, und der Papst, bevor er ihm zu beginnen gestattete, nicht sein Schluchzen zurückhalten konnte. Als Seine Heiligkeit wieder fähig war, zu sprechen, suchte sie den Kardinal zu trösten und versprach ihm dabei, daß dieses ungeheuerliche Attentat streng und schnell gesühnt werden solle. Aber nachdem der Kardinal Seiner Heiligkeit demütigst gedankt hatte, bat er ihn inständigst, keine Nachforschungen über das, was geschehen war, anzubefehlen, da er, was ihn beträfe, aus vollem Herzen dem Urheber verzeihe, wer es auch sein möge. Und unmittelbar nach dieser in sehr wenigen Worten vorgetragenen Bitte, ging der Kardinal zu den einzelnen Angelegenheiten über, mit denen er betraut war; als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre.
Die Blicke aller beim Konsistorium anwesenden Kardinäle 173waren auf den Papst und auf Montalto geheftet, und obgleich es sicher sehr schwer sein mag, das geübte Auge eines Hofmanns irrezuführen, wagte doch niemand zu behaupten, daß die Miene des Kardinals Montalto die leiseste Bewegung verraten habe, als er die Tränen Seiner Heiligkeit so aus der Nähe sah, die — um die Wahrheit zu sagen — wirklich ganz außer sich geraten war. Diese erstaunliche Fühllosigkeit des Kardinals Montalto verleugnete sich auch nicht während der ganzen Zeit, die er mit Seiner Heiligkeit zu arbeiten hatte. Es ging so weit, daß der Papst selbst dadurch betroffen wurde und nach Schluß des Konsistoriums nicht umhin konnte, dem Kardinal von San Sisto, seinem Lieblingsneffen, zu sagen: Veramente costui è un gran frate! Wahrlich, der ist ein großer Mönch!
Das Benehmen des Kardinals Montalto war auch während aller folgenden Tage völlig gleichmäßig. Wie es Sitte war, empfing er die Beileidsbesuche der Kardinäle, der Prälaten und der römischen Fürsten, und keinem gegenüber, in welchen Beziehungen er auch zu ihm stehen mochte, ließ er sich zu irgendeiner Äußerung des Schmerzes oder der Klage hinreißen. Nach einer kurzen Darlegung über die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge, die er mit Sentenzen und Zitaten aus der Heiligen Schrift oder den Kirchenvätern belegte, wechselte er kurz das Gespräch und kam auf die Neuigkeiten der Stadt oder auf persönliche Angelegenheiten dessen zu sprechen, mit dem er sich unterhielt, genau, als ob er seinen Trostspender hätte trösten wollen.
Rom war besonders neugierig, was während des Besuchs geschehen würde, den ihm Fürst Paolo Giordano 174Orsini, Herzog von Bracciano, abstatten mußte, welchem das Gerücht den Tod von Felice Peretti zuschrieb. Das Volk dachte, daß Kardinal Montalto nicht so in der Nähe des Fürsten sein könne und unter vier Augen mit ihm sprechen, ohne irgendwie seine Gefühle zu verraten.
Als der Fürst den Kardinal besuchte, war eine ungeheure Menschenmenge auf der Straße und am Eingang; zahlreiche Höflinge erfüllten alle Räume des Hauses, so groß war die Neugier, das Aussehen der beiden zu beobachten. Aber weder an dem einen noch an dem andern vermochte jemand etwas besonderes wahrzunehmen. Der Kardinal Montalto hielt sich genau an das, was der höfische Anstand vorschrieb; er gab seinem Gesicht einen sehr bemerkenswerten Ausdruck von Aufgeräumtheit und die Art, wie er das Wort an den Fürsten richtete, war von Gefälligkeit erfüllt.
Einen Augenblick später, als der Fürst seinen Wagen bestieg und sich mit den Intimen seines Hofs allein befand, konnte er sich nicht mehr zurückhalten, lachend zu sagen: „In fatto è vero che costui è un gran frate! Es ist wirklich wahr, jener ist ein großer [Mönch!] Als ob er die Wahrheit des Wortes bestätigen wollte, das dem Papst vor einigen Tagen entschlüpft war.
Die Klugen dachten, daß die bei dieser Gelegenheit vom Kardinal Montalto gezeigte Haltung ihm den Weg zum Thron ebnen müsse; denn viele Leute faßten über ihn die Meinung, daß er, sei es von Natur oder durch Tugend, niemandem schaden könne oder wolle, wenn er auch allen Grund habe, gereizt zu sein.
Felice Peretti hatte nichts Schriftliches, was sich auf seine Frau bezog, hinterlassen; sie mußte demzufolge in das Haus ihrer Eltern zurückkehren. Der Kardinal 175Montalto ließ ihr vor ihrem Scheiden die Gewänder, die Schmucksachen und überhaupt alle Geschenke aushändigen, die sie erhalten hatte, während sie die Frau seines Neffen war.