„So lange er auf der Welt ist,“ sagte er, „läuft das Leben meiner Schwester Gefahr. Wer schützt uns davor, daß unsre Ehre uns nicht im ersten Augenblick zwingen wird, unsre Hände in das Blut dieser Eigensinnigen zu tauchen? Sie ist zu solchem Unmaß von Verwegenheit gelangt, daß sie ihre Liebe nicht einmal mehr leugnet; habt Ihr sie auf Eure Vorwürfe anders antworten gehört, als mit einem verbissenen Schweigen? Nun wohl, dieses Schweigen ist das Todesurteil für Giulio Branciforte.“

„Denk daran, was sein Vater war“, antwortete Herr von Campireali. [‚]Sicherlich ist es für uns nicht schwer, auf sechs Monate nach Rom zu gehen und während dieser Zeit diesen Branciforte verschwinden zu lassen. 239Aber wer sagt uns, daß sein Vater, der trotz all seiner Verbrechen tapfer und freigebig war, — freigebig genug, um viele seiner Soldaten reich zu machen, während er selbst arm blieb — wer sagt uns, daß sein Vater nicht noch Freunde besitzt, sei es in der Schar des Herzogs von Monte Mariano, sei es in der Truppe Colonna, welche oft die Wälder von La Faggiola besetzt, die nur eine halbe Meile von uns entfernt sind? In diesem Fall werden wir alle ohne Erbarmen umgebracht, du, ich und vielleicht auch deine unglückliche Mutter.“

Diese oft erneuten Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn waren der Mutter Helenas, Vittoria Carafa, nur zum Teil verborgen geblieben und brachten sie zur Verzweiflung. Das Ergebnis der Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn war, daß es sich nicht mit ihrer Ehre vertrüge, den Klatsch, der in Albano umging, ruhig dauern zu lassen. Da es nicht klug schien, diesen jungen Branciforte verschwinden zu machen, der täglich unverschämter wurde und jetzt sogar in seinen prächtigen Kleidern die Dreistigkeit so weit trieb, an öffentlichen Orten das Wort an Fabio oder dessen Vater zu richten, erübrigte nichts als einen der beiden folgenden Entschlüsse oder vielleicht alle beide ausführen: die ganze Familie mußte nach Rom gehen, Helena aber im Kloster der Heimsuchung in Castro untergebracht und so lange dort belassen werden, bis eine passende Heirat für sie gefunden war.

Niemals hatte Helena ihrer Mutter ein Geständnis ihrer Liebe gemacht: Mutter und Tochter liebten sich zärtlich, sie verbrachten ihr Leben gemeinsam, und doch war nie ein einziges Wort über diesen Gegenstand gesprochen worden, der sie beide fast in gleichem Maße 240beschäftigte. Zum erstenmal verriet sich in Worten, was fast ausschließlich Gegenstand ihrer Gedanken war, als die Mutter ihrer Tochter zu verstehen gab, man wolle nach Rom übersiedeln und vielleicht sogar Helena für einige Jahre in das Kloster von Castro schicken.

Diese Unterredung war von Vittoria Carafa unklug und ließ sich nur durch die unsinnige Zärtlichkeit entschuldigen, welche sie für ihre Tochter hegte. Im Übermaß ihrer Liebe wollte Helena ihrem Geliebten beweisen, daß sie sich seiner Armut nicht schämte und daß ihr Vertrauen in seine Ehrenhaftigkeit ohne Grenzen war. „Wer würde es glauben,“ ruft der florentinische Chronist aus, „daß trotz so vielen gewagten Zusammenkünften, im Garten und ein- oder zweimal sogar in ihrem eigenen Zimmer, für die sie sich einem schrecklichen Tod aussetzten, Helena unberührt war!“ Durch ihre Tugend sicher, schlug sie ihrem Geliebten vor, gegen Mitternacht den Palast durch den Garten zu verlassen, und den Rest der Nacht in seinem kleinen, auf den Ruinen Albas erbauten Haus zu verbringen, das mehr als eine halbe Stunde entfernt lag. Sie verkleideten sich als Franziskanermönche. Helena war hoch gewachsen und glich, so gekleidet, einem jungen Novizen von achtzehn oder zwanzig Jahren. Es ist unbegreiflich und zeigt Gottes Finger, daß Giulio und seine Geliebte, als Mönche verkleidet, auf dem engen, in den Felsen gehauenen Weg, der an der Mauer des Kapuzinerklosters entlang führt, Herr von Campireali und seinem Sohn Fabio begegneten, welche, von vier wohlbewaffneten Dienern gefolgt und einem Pagen mit brennender Fackel voran, aus Castel Gandolfo zurückkehrten, einem unweit am Ufer des Sees gelegenen Ort. 241Um die Liebenden vorbeizulassen, stellten sich die Campireali und ihre Diener zur Rechten und Linken dieses in den Felsen gehauenen Wegs auf, welcher etwa acht Fuß breit sein mochte. Wieviel besser wäre es für Helena gewesen, wenn man sie in diesem Augenblick erkannt hätte! Sie wäre durch einen Pistolenschuß ihres Vaters oder ihres Bruders getötet worden und ihre Marter hätte nur einen Augenblick gedauert: aber der Himmel hatte es anders beschlossen. Superis aliter visum.

Man fügt dieser sonderbaren Begegnung noch einen Umstand hinzu, welchen die Signora Campireali noch oftmals im höchsten Alter erzählt hat, als fast Hundertjährige in Rom, vor Leuten, die selbst sehr alt waren; sie haben es mir wiedererzählt, als meine große Neugierde sie über diesen Gegenstand und über vieles andre ausforschte.

Fabio von Campireali, der ein junger auf seinen Mut stolzer Mann und hochfahrend war, rief, als er merkte, daß der ältere Mönch weder seinen Vater noch ihn grüßte, trotzdem er so nah an ihnen vorbeiging:

„Das ist ja ein Spitzbube von einem stolzen Mönch! Gott weiß, was er außerhalb des Klosters sucht, er und sein Begleiter, zu so ungehöriger Stunde! Ich weiß nicht, was mich abhält, ihre Kapuzen zu lüften, wir würden sehen, wie sie ausschauen!“

Bei diesen Worten faßte Giulio nach seinem Dolch unter der Mönchskutte und stellte sich zwischen Fabio und Helena. In diesem Augenblick war nicht mehr als ein Fuß breit Raum zwischen ihm und Fabio; aber der Himmel befahl es anders und besänftigte durch ein Wunder den Zorn dieser beiden jungen Leute, die sich bald danach in noch anderer Nähe sehen sollten.

242In dem Prozeß, den man in der Folge Helena von Campireali machte, wollte man diesen nächtlichen Ausflug als einen Beweis ihrer Verderbtheit darstellen; doch es war das Delirium eines jungen Herzens, das in ganz unsinniger Liebe entflammt war, denn dies Herz war rein.