„Ich will dir nicht verhehlen,“ fügte der Greis hinzu, die Stimme senkend, als fürchte er, gehört zu werden, „daß die Straße, welche nach Valmontone und nach Ciampi führt…“
„Nun was?“ sagte Giulio.
„Nun wohl, diese Straße führt an deinem Haus vorbei und man sagt, daß das Blut aus der schrecklichen, Halswunde wieder zu fließen begann, als Fabios Leichnam dort vorbeikam.“
„Wie entsetzlich!“ rief Giulio und erhob sich.
„Beruhige dich, mein Freund“, sagte der Greis. „Du siehst wohl ein, wie es nötig ist, daß du alles weißt. Und jetzt muß ich dir sagen, daß deine Anwesenheit hier heute ein wenig verfrüht erscheint. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen wollt, mich um Rat zu fragen, Kapitän, möchte ich hinzufügen, daß es nicht passend ist, daß Ihr Euch früher als nach einem Monat in Albano zeigt. Es ist wohl nicht notwendig, Euch aufmerksam zu machen, daß es unvorsichtig wäre, nach Rom zu gehen. Man weiß noch nicht, wie sich der Heilige Vater zu den Colonna stellen wird, man denkt zwar, daß er der Erklärung Fabrizios Glauben schenken wird, der vorgibt, von dem Kampf bei Ciampi nicht früher als durch das öffentliche Gerede gehört zu haben; aber der Gouverneur von Rom, der ein treuer Orsini ist, wütet und 253würde entzückt sein, einige der tapfren Soldaten Fabrizios hängen zu lassen, und dieser könnte sich nicht einmal öffentlich beschweren, weil er schwört, beim Kampf nicht dabei gewesen zu sein. Ich werde noch weiter gehen, und, obwohl Ihr mich nicht danach fragt, mir die Freiheit nehmen, Euch einen militärischen Rat zu geben: Ihr seid in Albano beliebt, sonst wäret Ihr hier nicht in Sicherheit. Aber bedenkt, daß Ihr seit mehreren Stunden in der Stadt umhergeht, daß einer der Anhänger der Orsini sich herausgefordert fühlen könnte, oder mindestens an die Leichtigkeit, eine schöne Belohnung zu gewinnen, denken kann. Der alte Campireali hat tausendmal wiederholt, daß er seine schönste Besitzung dem schenkt, der Euch tötet. Ihr hättet einige der Soldaten aus Eurem Haus nach Albano herunternehmen [sollen.]
„Ich habe nicht einen Soldaten in meinem Haus.“
„In diesem Fall seid Ihr ein Narr, Kapitän. Diese Herberge hat einen Garten; wir werden uns durch den Garten machen und über die Weinberge flüchten. Ich werde Euch begleiten; ich bin alt und ohne Waffen; aber wenn wir Übelgesinnten begegnen, werde ich mit Ihnen sprechen; Ihr werdet wenigstens Zeit gewinnen.“
Giulios Seele war zerrissen. Sollen wir zu erzählen wagen, wie weit seine Narrheit ging? Sowie er gehört hatte, daß der Palast Campireali geschlossen war und alle seine Bewohner nach Rom abgereist seien, faßte er den Plan, den Garten wiederzusehen, wo er so oft mit Helena zusammengekommen war. Er hoffte sogar, ihr Zimmer wiederzusehen, wo sie ihn empfangen hatte, wenn ihre Mutter abwesend war. Er hatte das Bedürfnis, sich durch den Anblick der Orte, wo sie so zärtlich zu ihm gewesen war, gegen ihren Zorn zu wappnen.
254Branciforte und der edelmütige Alte hatten keine unangenehme Begegnung, während sie den kleinen Pfaden folgten, die durch die Weinberge zum See ansteigen. Giulio ließ sich von neuem die Einzelheiten des Begräbnisses des jungen Fabio erzählen. Die Leiche dieses tapfren jungen Mannes war von vielen Priestern begleitet nach Rom überführt und in der Familiengruft im Kloster San Onofrio am Gianicolo beigesetzt worden. Man hatte als einen sehr auffallenden Umstand vermerkt, daß Helena am Vorabend der Zeremonie von ihrem Vater nach dem Kloster der Heimsuchung in Castro zurückgebracht worden war; dies hatte das umlaufende Gerücht verstärkt, daß sie heimlich mit dem Wegelagerer vermählt sei, der das Unglück gehabt hätte, ihren Bruder zu töten.
Als er bei seinem Haus ankam, fand Giulio den Korporal seiner [Kampagnie] mit vieren seiner Soldaten; sie sagten ihm, daß ihr früherer Hauptmann nie den Wald verlassen hätte, ohne einige seiner Leute bei sich zu haben. Der Fürst hatte öfters geäußert, daß jeder, bevor er sich aus Unvorsichtigkeit töten lasse, vorher seinen Abschied nehmen möge, damit er die Rache für einen solchen Tod nicht ihm aufbürde.