Wir begleiten den Chronisten nicht weiter in der langen Schilderung aller folgenden Zusammenkünfte, die Giulio von Helena gewährt wurden. Der Ton der beiden Liebenden war ganz so vertraut geworden wie damals im Garten zu Albano, nur hatte Helena niemals einwilligen gewollt, in den Garten hinabzusteigen. Eines Nachts fand sie Giulio sehr nachdenklich: ihre Mutter war aus Rom gekommen, um sie zu sehen und wollte einige Tage im Kloster bleiben. Diese Mutter war so zärtlich und hatte stets so zartfühlende Rücksicht auf die Neigung, die sie bei ihrer Tochter vermutete, genommen, daß es dieser schwere Gewissenspein bereitete, sie täuschen zu müssen. Könnte sie es aber wagen, ihr zu gestehen, daß sie den Mann empfing, der sie ihres Sohnes beraubt hatte? Helena bekannte schließlich Giulio offen ein, daß sie nicht die Kraft haben würde, dieser Mutter, die so gut war, mit Lügen zu antworten, wenn sie nach der Wahrheit gefragt würde. Giulio fühlte ganz die Gefahr seiner Lage, sein Schicksal hing vom Zufall ab, welcher der Signora di Campireali nur ein Wort einzugeben brauchte. In der folgenden Nacht sagte er deshalb mit entschlossener Miene: „Morgen werde ich früher kommen, ich werde eine der Stangen dieses Gitters ausbrechen, du wirst in den Garten heraussteigen, und ich führe dich in eine Kirche der Stadt, wo ein mir ergebener Priester uns trauen wird. Noch bevor es Tag ist, bist du wieder im Garten. Wenn du erst meine Frau bist, habe ich keine Furcht mehr und werde allem zustimmen, was deine Mutter als Sühne für das schreckliche Unglück verlangen kann, das wir 271alle beklagen, — wäre es selbst, einige Monate vergehen zu lassen, ohne dich zu sehen.“

Da Helena von diesem Vorschlage bestürzt zu sein schien, fügte Giulio hinzu:

„Der Fürst ruft mich zu sich zurück; die Ehre und alle möglichen Gründe verpflichten mich, zu folgen. Mein Vorschlag ist das einzige, was unsre Zukunft sichern kann. Wenn Du mir nicht zustimmst, trennen wir uns für immer, hier, in diesem Augenblick. Ich werde mit Reue wegen meiner Torheit abreisen. Ich habe an Dein Ehrenwort geglaubt, Du bist dem heiligsten Schwur untreu, und ich hoffe, daß die gerechte Verachtung, die mir Deine Leichtfertigkeit einflößen wird, mit der Zeit mich von dieser Liebe heilt, die schon zu lange das Unglück meines Lebens [ist.]

Helena brach in Tränen aus.

„Großer Gott!“ rief sie weinend, „wie entsetzlich für meine Mutter!“

Schließlich willigte sie in den Vorschlag.

„Aber“, fügte sie noch hinzu, „man kann uns beim Fortgehen oder beim Wiederkommen entdecken; bedenkt den Skandal, denkt an die schreckliche Lage, in der sich meine Mutter befinden würde; warten wir ihre Abreise ab, die in einigen Tagen stattfinden wird.“

„Es ist Euch gelungen, mich an dem zweifeln zu lassen, was für mich das Höchste und Heiligste war: mein Vertrauen in Euer Wort. Morgen Abend werden wir verheiratet sein, oder wir sehen uns in diesem Augenblick, auf dieser Seite des Grabes zum letztenmal.“

Die arme Helena konnte nur mit Tränen antworten, besonders schmerzte sie der grausam entschiedene Ton, den Giulio anschlug. Hatte sie denn wirklich seine Verachtung 272verdient? Das war also der einst so fügsame und zärtliche Geliebte! Endlich stimmte sie seinen Anordnungen zu. Giulio entfernte sich. Von diesem Augenblick an erwartete Helena die kommende Nacht in allen Zuständen der verzweifeltsten Angst. Wenn sie sich auf ihren Tod hätte vorbereiten müssen, wäre ihr Schmerz weniger qualvoll gewesen, sie hätte Mut in dem Gedanken an die Liebe Giulios und an die zärtliche Neigung ihrer Mutter gefunden. Der Rest der Nacht verging in grausamster Unschlüssigkeit. Es gab Augenblicke, wo sie ihrer Mutter alles gestehen wollte. Am nächsten Morgen war sie derart bleich, als sie vor ihr erschien, daß diese, all ihre weisen Vorsätze vergessend, sich in die Arme ihrer Tochter warf und ausrief:

„Was geht vor? Großer Gott! Sage mir, was du getan hast oder auf dem Sprung stehst, zu tun? Wenn du einen Dolch nähmest und mir ins Herz stießest, würdest du mich weniger leiden lassen, als durch das grausame Schweigen, das du gegen mich beobachtest.“