„Wir wollen ein Kloster angreifen. Das ist excommunicatio major und noch mehr: dieses Kloster steht unmittelbar unter dem Schutz der Madonna…“

„Ich verstehe!“ rief Giulio, aufgerüttelt durch dieses Wort. „Bleibt bei mir.“

Der Korporal schloß die Tür und kam zurück, um den Rosenkranz mit Giulio zu beten. Diese Andacht dauerte eine volle Stunde. Als es Nacht war, brach man auf.

Wie es Mitternacht schlug, kehrte Giulio, der gegen elf Uhr allein nach Castro gegangen war, zurück, um seine Leute zu holen, die außerhalb des Tores gewartet hatten.

282Er trat mit seinen acht Mann, denen sich drei gut bewaffnete Bauern angeschlossen hatten, in die Stadt ein und vereinigte sich mit den fünf Soldaten, welche er schon in der Stadt hatte; so befand er sich an der Spitze von sechzehn entschlossenen Männern; zwei trugen als Diener verkleidet weite Blusen aus schwarzem Leinen, um ihr giacco zu verdecken und ihre Mützen waren nicht mit Federn geschmückt.

Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam Giulio, der die Rolle des Kuriers für sich übernommen hatte, im Galopp vor dem Klostertor an; er machte mächtigen Lärm und schrie, daß man unverzüglich einem Kurier öffnen möge, den der Kardinal schicke. Mit Wohlgefallen bemerkte er, daß die Soldaten, die ihm durch das kleine Fenster neben dem Tor antworteten, halb betrunken waren. Der Vorschrift folgend, schrieb er seinen Namen auf ein Stück Papier, ein Soldat überbrachte den Namen der Pförtnerin, die den Schlüssel zur zweiten Tür besaß und die Äbtissin in besondren Fällen zu wecken hatte. Die Antwort ließ endlose dreiviertel Stunden auf sich warten. Während dieser Zeit hatte Giulio viel Mühe, seinen Trupp ruhig zu halten; einige Bürger öffneten schon vorsichtig ihre Fenster; endlich traf eine günstige Antwort von der Äbtissin ein; Giulio wurde, gefolgt von zwei als Diener verkleideten Soldaten, mit Hilfe einer fünf oder sechs Fuß langen Leiter, die man ihm aus dem kleinen Fenster reichte, in die Wachstube eingelassen; die Bravi des Klosters wollten sich nicht die Mühe machen, das große Tor zu öffnen. Als er vom Fenster ins Wachzimmer sprang, begegneten seine Augen dem Blick Ugones; die ganze Wache war, dank seiner Vorsorge, betrunken. Giulio sagte dem Kommandanten, daß drei Diener der Campireali, 283die er als Soldaten habe ausrüsten lassen, um ihn am Marsch zu schützen, sehr guten Branntwein gekauft hätten und um Einlaß bäten, damit sie sich nicht allein auf dem Platze langweilen müßten. Dem wurde einmütig zugestimmt. Er selbst stieg mit seinen zwei Leuten die Treppe hinunter, welche von der Wachstube in den Gang führte.

„Trachte die große Tür zu öffnen“, sagte er zu Ugone.

Dann gelangte er unangefochten zur eisernen Tür. Dort fand er die gute Pförtnerin, welche ihm sagte, daß jetzt, da Mitternacht vorbei sei, wenn er ins Kloster eingelassen würde, die Äbtissin dem Bischof darüber Bericht erstatten müßte. Darum lasse sie ihn bitten, seine Nachrichten der jungen Schwester zu übergeben, welche die Äbtissin zu diesem Zweck schicke. Worauf Giulio antwortete, wegen der Bestürzung, welche durch die unerwartete Agonie des Signor von Campireali hervorgerufen worden sei, hätte man ihm nur ein einfaches vom Arzt ausgefertigtes Beglaubigungsschreiben mitgegeben; alle Einzelheiten sollte er mündlich der Frau und Tochter des Kranken berichten, wenn diese Damen noch im Kloster wären und in jedem Fall auch der Frau Äbtissin. Die Pförtnerin ging, diese Botschaft zu überbringen. Niemand blieb an der Tür als die junge Schwester, welche die Äbtissin gesandt hatte. Giulio plauderte und scherzte mit ihr, dabei steckte er die Hände durch die dicken Eisenstangen des Tors und versuchte es, immer noch lachend, zu öffnen. Die Schwester war sehr schüchtern, sie hatte Angst und nahm die Scherze übel auf. Da hatte Giulio, der sah, daß beträchtliche Zeit verstrich, die Unvorsichtigkeit, der Schwester eine Handvoll Zechinen anzubieten, mit 284der Bitte, ihn einzulassen, da er zu müde sei, zu warten. „Er wußte wohl, daß er eine Dummheit beging,“ sagt der Erzähler, „er hätte mit Eisen und nicht mit Gold arbeiten müssen; aber er hatte nicht das Herz dazu; nichts leichter, als sich der Schwester zu bemächtigen, sie war nicht weiter als einen Fuß breit von ihm, auf der andern Seite der [Tür.] Durch das Angebot der Zechinen wurde das junge Mädchen in Schrecken versetzt. Sie sagte später, daß sie aus der Art wie Giulio zu ihr gesprochen habe, wohl verstanden hätte, daß er kein gewöhnlicher Kurier sei: ‚Das ist der Geliebte einer unsrer Nonnen,‘ dachte sie, ‚der zu einem Stelldichein kommt‘; und sie war fromm. Von Entsetzen ergriffen, begann sie mit aller Kraft die Schnur einer kleinen Glocke zu ziehen, die im großen Hof hing und alsogleich einen Lärm machte, um Tote zu wecken. „Der Krieg beginnt,“ sagte Giulio seinen Leuten, „gebt acht!“

Er nahm seinen Schlüssel, und den Arm zwischen den Eisenstäben durchzwängend, öffnete er die Tür zur größten Verzweiflung der jungen Nonne, die sich über den Kirchenfrevel entsetzt schreiend auf die Knie warf und Ave Maria zu beten begann. Noch in diesem Augenblick hätte Giulio das junge Mädchen zum Schweigen bringen müssen, aber er hatte nicht das Herz dazu; einer seiner Leute ergriff sie und schloß ihr den Mund.

Im selben Augenblick hörte Giulio im Gang hinter sich einen Flintenschuß. Ugone hatte das große Tor geöffnet, die übrigen Soldaten traten ohne Lärm ein, als einer der weniger betrunkenen Bravi der Wache sich einem der vergitterten Fenster näherte und in seinem Erstaunen so viele Leute im Gang zu sehen ihnen fluchend verbot, weiterzugehen. Man hätte nicht antworten 285und ruhig weiter gegen die eiserne Tür vorgehen sollen, so machten es auch die ersten, aber der letzte der Reihe, einer der am Nachmittag erst angeworbenen Bauern, feuerte einen Pistolenschuß nach dem Klosterknecht, der durchs Fenster rief, und tötete ihn. Dieser Pistolenschuß mitten in der Nacht und das Schreien der Betrunkenen, als sie ihren Kameraden fallen sahen, weckten jene Soldaten, welche diese Nacht in ihren Betten lagen und nicht von Ugones Wein gekostet hatten. Acht oder zehn Bravi des Klosters sprangen halb nackt in den Gang und griffen die Soldaten Brancifortes heftig an.