Am Morgen nach dem Kampf fanden die Nonnen zu ihrem Entsetzen neun Leichen in ihrem Garten und in dem Gang, der vom äußeren Tor zu dem mit den Eisenriegeln führte; acht ihrer Bravi waren verwundet. Niemals hatte es eine solche Angst im Kloster gegeben; man hatte wohl öfters Flintenschüsse vom Platze her gehört, aber nie solche Menge von Schüssen, noch dazu im Garten, inmitten der Gebäude und unter den Fenstern der Nonnen. Das hatte gut anderthalb Stunden gedauert und während dieser Zeit herrschte die allergrößte Kopflosigkeit im Innern des Klosters. Wäre Giulio Branciforte nur ein wenig im Einverständnis mit einer der Nonnen oder der Pensionärinnen gewesen, wäre es ihm geglückt: es hätte genügt, daß man ihm eine der zahlreichen, in den Garten führenden Türen geöffnet hätte; aber ganz außer sich vor Entrüstung und voll Wut über das, was er den Meineid der jungen Helena nannte, wollte er alles durch eigne Kraft erreichen. Es ging gegen seinen Stolz, sein Vorhaben irgend jemandem anzuvertrauen. Indessen hätte ein einziges Wort an die kleine Marietta den Erfolg verbürgt: sie hätte eine der Türen, die zum Garten führten, geöffnet und — unterstützt durch die schreckliche Begleitung der Flintenschüsse von draußen — hätte auch ein einziger Mann der in den Schlafsälen erschien, sich unbedingten Gehorsam verschafft. Vom ersten Schuß an hatte Helena 292für das Leben ihres Geliebten gezittert und an nichts andres gedacht, als mit ihm zu fliehen.

Wie soll man ihre Verzweiflung schildern, als die kleine Marietta ihr die entsetzliche Verwundung beschrieb, die Giulio am Knie erhalten hatte und aus der sie das Blut hatte in Strömen fließen sehen? Helena verabscheute jetzt ihre Feigheit und Zaghaftigkeit: „Ich habe die Schwäche gehabt, meiner Mutter ein Wort zu sagen und Giulios Blut ist geflossen, er konnte bei diesem bewundernswerten Angriff, wo sein Mut vor nichts zurückschreckte, sein Leben lassen.“

Die Bravi wurden ins Sprechzimmer zugelassen und berichteten den lüstern zuhörenden Nonnen, daß sie nie in ihrem Leben Zeugen einer Tapferkeit gewesen seien, die sich mit der des jungen, als Kurier verkleideten Mannes, der die Angriffe der Briganten leitete, vergleichen ließe. Wenn diesen Erzählungen schon von allen mit dem größten Interesse zugehört wurde, kann man sich vorstellen, mit welch äußerster Leidenschaft Helena die Bravi nach Einzelheiten über den jungen Anführer der Briganten ausfragte. Nach den ausführlichen Schilderungen, die sie sich von ihnen und von den alten Gärtnern geben ließ, die ganz unparteiische Zeugen waren, schien es ihr, daß sie ihre Mutter nicht im geringsten mehr liebte. Es gab sogar eine erregte Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen, die sich am Vorabend des Kampfes so zärtlich geliebt hatten. Signora Campireali war gereizt durch die Blutflecken auf einem gewissen Blumenstrauß, von dem Helena sich nicht einen Augenblick mehr trennen wollte.

„Man soll diese blutbefleckten Blumen fortwerfen.“

„Ich war es, die dieses edle Blut vergossen hat und 293es ist geschehen, weil ich die Schwäche hatte, Euch ein Wort zu sagen.“

„Ihr liebt also noch den Mörder Eures Bruders?“

„Ich liebe meinen Gatten, der zu meinem ewigen Unheil von meinem Bruder angegriffen worden ist.“

Nach dieser Bemerkung wurde während der drei Tage, welche Signora von Campireali noch im Kloster zubrachte, kein einziges Wort mehr zwischen Mutter und Tochter gewechselt.

Am Morgen nach ihrer Abreise gelang es Helena, zu entkommen, indem sie die Verwirrung benützte, die an beiden Klostertoren durch die Anwesenheit zahlreicher Maurer herrschte, welche im Garten neue Befestigungen aufführen sollten. Die kleine Marietta und sie hatten sich als Arbeiter verkleidet. Aber die Bürger hielten an den Toren der Stadt strenge Wacht und Helene war in großer Verlegenheit, wie sie durchkommen solle. Endlich war der kleine Krämer, der ihr schon die Briefe Brancifortes übermittelt hatte, einverstanden, sie als seine Tochter auszugeben und bis Albano zu begleiten. Helena fand dort ein Versteck bei ihrer alten Amme, der es ihre Wohltaten ermöglicht hatten, einen kleinen Laden zu halten. Kaum angelangt, schrieb sie an Branciforte, und die Amme fand, nicht ohne Schwierigkeit, einen Mann, der es wagen wollte, in den Wald von La Faggiola einzudringen, ohne das Losungswort der Leute des Colonna zu wissen.

Nach drei Tagen kam der von Helena abgesandte Bote ganz verstört zurück; erst war es ihm unmöglich gewesen, Branciforte zu finden und seine unaufhörlichen Fragen nach dem jungen Hauptmann hatten ihn verdächtig gemacht, so daß er schließlich gezwungen war, zu flüchten.