Die Elemente zu einer Arbeiterpartei waren zumeist in den Genossenschaften vorhanden, die in einem und demselben Gewerbe einer Kranken-, Invaliden- und Witwenkasse oder einer Unterstützungskasse für die reisenden „Kollegen“ angehörten. Nach der Märzrevolution aber fühlte der einzelne sich sofort als das Glied eines großen und wichtigen Lebenselementes im Staate, und die verwandten Gruppen suchten und fanden bald einen Zusammenschluß. Jung, voller Thatkraft und voll Glaubens an die Macht der werbenden Ideen, war ich überall anzutreffen, wo es galt, eine Bewegung, die nur auf den ersten Anstoß wartete, in Fluß zu bringen.
Wenn ich eben vom Glauben an die werbenden Ideen sprach, so muß ich von vornherein hier feststellen, daß ich nun, wo ich in den Strom des öffentlichen, politischen Lebens — ich sage nicht, mich stürzte, sondern geriet, von allen Spekulationen in die Ferne plötzlich mich befreit fühlte, die Dinge anschaute, wie sie sich dem Auge darboten, mit den gegebenen Verhältnissen rechnete und vor allen Dingen das nächste Ziel im Auge behielt, das sich nur erreichen ließ, wenn man an manches Vorurteil nicht rührte, dies sogar mit in den Kauf nahm, wollte man irgend etwas leisten. Dieses Ziel — und darin war ich ganz Marxianer und ein zuverlässiger Schüler des Meisters — ging darauf hin, die auf den Sieg des liberalen Bürgertums gerichteten Anstrengungen, d. h. dessen Bestrebungen, um seine in Deutschland erst zu schaffende Herrschaft im Staate nach Kräften zu unterstützen und dabei zunächst auf eine zu erlangende Organisation des arbeitenden Volkes als Vorbedingung der aus ihr sich zu gestaltenden Arbeiterpartei hinzuwirken. Dieses von der Natur der Dinge gegebene Programm drängte sich meiner Einsicht in die Verhältnisse ganz von selber auf. Weggewischt waren für mich mit einem Male alle kommunistischen Gedanken, sie standen mit dem, was die Gegenwart forderte, in gar keinem Zusammenhang. Man hätte mich ausgelacht oder bemitleidet, hätte ich mich als Kommunisten gegeben. Der war ich auch nicht mehr. Was kümmerten mich entfernte Jahrhunderte, wo jede Stunde mir dringende Aufgaben und Arbeit in Fülle darbot!
Unter den Arbeitern der Stadt Berlin bildeten die Maschinenbauer und die Buchdrucker gewissermaßen die tonangebenden, um nicht zu sagen aristokratische Elemente. Buchdrucker war ich ja selber von Hause aus, wenn ich gleich seit meinem zweiten Aufenthalt in Paris dem Winkelhaken entsagt und dafür berufsmäßig die Feder geführt hatte. Schon zu Anfang des Jahres 1848 hatte ich eine Korrespondenz für ein süddeutsches Blatt übernommen; in Berlin wurde der Journalismus meine regelmäßige Beschäftigung. Außer meinem eigenen, oben genannten Blatte, schrieb ich Korrespondenzen aus der Hauptstadt für die von Marx in Köln gegründete „Neue Rheinische Zeitung“. Den Berliner Buchdruckern galt ich bei alledem als einer der Ihrigen. Sie waren es, die zuerst von allen anderen Arbeitern, auf eine Besserung ihrer Lage bedacht, eine Lohnerhöhung forderten. Ich wohnte ihrer ersten Versammlung bei, sie wählten mich zum Vorsitzenden und zum Präsidenten des leitenden Ausschusses. Ihre Forderungen waren durchaus gerecht, und charakteristisch für jene Zeit ist es, daß es einer politischen Revolution bedurfte, ehe man überhaupt daran denken konnte, diese gerechten Forderungen zu erheben. Ohne sie wäre die Polizeigewalt sofort eingeschritten, die Aufstellung eines durch die Drohung eines Ausstandes unterstützten Tarifs wäre als staatsgefährlich nicht gestattet worden. Den Wortführern der Arbeiter hätte man einfach als Volksverführern den Prozeß gemacht, im mildesten Falle wären sie ausgewiesen worden.
Der durchschnittliche wöchentliche Verdienst eines Setzers oder Druckers betrug zu jener Zeit 3½ Thaler oder 13 Fr. 15 Cent. In Paris betrug er schon seit dem Jahre 1843 mehr als das doppelte: 28 bis 35 Fr. Dabei war die Arbeitszeit in Berlin auf 13 bis 14 Stunden, in Paris auf 10 Stunden täglich festgesetzt. Dies einzige Faktum genügt heute jedem, der diese Zeilen liest, um die auf eine kleine Erhöhung des Tarifs und eine geringe Verminderung der Arbeitszeit gerichteten Forderungen der damaligen Buchdrucker als gerechtfertigt anzuerkennen. Ähnlich wie um die Buchdrucker stand es damals um sämtliche Arbeiter. In Frankreich, von England gar nicht zu reden, standen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer als freie Kontrahenten gegenüber. In Deutschland, das in seiner gewerblichen Entwicklung noch weit zurück war und wo die Großindustrie kaum erst die zartesten Sprossen aufwies, herrschte vor fünfzig Jahren noch eine Art patriarchalischen Verhältnisses. Der Arbeitgeber betrachtete sich in der Regel dem Arbeitnehmer gegenüber als ein Wohlthäter, dem dieser sein Brot verdanke und der ein himmelschreiendes Unrecht begehe, wenn er sich so weit vergesse, mit Forderungen hervorzutreten, gewissermaßen die Annahmebedingungen für das ihm erwiesene Gute zu stellen. Wie in der Politik noch die letzten Strahlen des unter Friedrich dem Großen und Joseph II. blühenden Systems des wohlwollenden Despotismus die besseren unter den deutschen Fürsten verklärten, so herrschte dasselbe System des patronalen Despotismus in der Führung der Gewerbe. Der Arbeiter selber betrachtete sein Verhältnis zum Prinzipal gewissermaßen als ein Unterthanen-Verhältnis.
Der Sturm des Jahres 1848 hatte diese Art Glaubensartikel, denn als solcher hatte diese Anschauung in den Köpfen beider Parteien Wurzel gefaßt, mit einem Schlage vernichtet. Als die Buchdruckereibesitzer sich anfangs auf keine Unterhandlungen einlassen wollten, weil sie diese so zu sagen als eine Entwürdigung ihrer bisher innegehabten Stellung ansahen, und es infolge dessen zum Ausstande kam, hatte ich den klugen Einfall, als Präsident der Buchdrucker dem Herrn Handelsminister Pieper — bis dahin war er ein angesehener Breslauer Kaufmann — persönlich in seinem Palais in der Wilhelmstraße meine Aufwartung zu machen, ihm die bevorstehende Niederlegung der Arbeit in allen Berliner Buchdruckereien anzukündigen und ihn zu versichern, daß wir seinem guten Rat gern Gehör schenken würden. Herr Pieper, ein Manchestermann vom reinsten Wasser, der über die alten, an dem vermeintlich patriarchalischen Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern haftenden Vorstellungen längst hinaus war, empfing mich mit größter Liebenswürdigkeit, bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen, setzte sich in die andere Ecke desselben und gab, nachdem er mich angehört, sogleich Befehl, Herrn von Decker, den Geheimen Ober-Hofbuchdrucker — er hatte auch sein Palais dicht nebenan in der Wilhelmstraße — zu bitten, er möchte die Güte haben, einen Augenblick zu dem Herrn Minister für Handel und Gewerbe zu kommen. Herr von Decker — die Familie stammt aus Basel — erschien nach wenigen Minuten. Er verbeugte sich vor Sr. Exzellenz viel, viel tiefer und förmlicher, als ich in solchen Dingen noch wenig bewanderter Jüngling es gethan. Der Herr Minister nannte meinen Namen und die Ursache meines Besuches. Ich habe nie einen Menschen so erstarrt, so wie aus allen Wolken gefallen gesehen. Herr von Decker stammelte ein paar unverständliche Worte. Er hatte vielleicht von dem Minister einen großartigen Auftrag für die Geheime Ober-Hofbuchdruckerei erwartet, jedenfalls war er darauf nicht gefaßt, ein Frage- und Antwortspiel gemeinsam mit einem so jungen Mann, einem solchen Nichts wie ich, bestehen zu müssen. Es kochte in ihm und seine Augen nahmen einen finstern Ausdruck an. Die Unterredung hatte indessen kein ungünstiges Ergebnis. Herr von Decker, was seine Person betrifft, sagte nicht nein zu den Forderungen der Gehilfen. Innerlich wütend war er aber doch, als er sich höflichst empfahl. Ein solches Rencontre! War’s möglich! Waren dies die Folgen des 18. März? Der gute Mann — ich möchte ihm durchaus nicht Übles nachreden — war gewiß ein höchst achtungswerter und liebenswürdiger Charakter. Er hatte — und das beweist auf das Schlagendste, daß er kein echter Basler mehr war — mit einer berühmten Opernsängerin sich vermählt. Das hätte sein republikanischer Ahnherr niemals gethan.
Es kann nicht meine Absicht sein, eine Geschichte der Lohnkämpfe der Berliner Buchdrucker zu geben. Eine solche existiert übrigens schon, wenn ich nicht sehr irre. Einige Zeilen mögen genügen, um den von mir berührten Gegenstand zum Abschluß zu bringen.
Am 28. April wurde die Arbeit allgemein eingestellt, und dies dem Publikum durch Maueranschlag angekündigt. Schon am nächsten Tage erhielt ich infolge der Vermittlungsbemühungen des Stadtmagistrats die Zusicherung, daß die Angelegenheit endgiltig bis zum 1. Juni geregelt sein sollte. Die Buchdruckereibesitzer gaben das Versprechen, keinen Gehilfen wegen seiner Teilnahme an der Arbeitseinstellung zu entlassen, und so kehrten diese am 1. Mai zur Arbeit zurück. Kaum hatten sie jedoch ihre Offizinen wieder betreten, als ihnen in mehreren derselben ein Schein zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, durch welchen sie erklären sollten, daß sie ihren in der Übereilung gethanen Schritt bedauerten und gern zurücknehmen möchten, daß sie auch, indem sie zu ihrer Pflicht und an ihre Arbeit zurückkehrten, auf ihr Ehrenwort versprechen, sich eines ähnlichen Auftretens in Zukunft zu enthalten. Einige der einsichtsvolleren Buchdruckereibesitzer, wie die Herren Decker und Reimer, hatten es ihrer unwürdig erklärt, eine solche Zumutung an ihre Gehilfen zu stellen. Bei ihnen und in den Zeitungsdruckereien wurde weitergearbeitet. Bei denen, welche ihre Gehilfen nur als reuige Sünder wieder aufnehmen wollten, sollte die Arbeit sofort wieder eingestellt werden. Von dem zu unterzeichnenden Zerknirschungsversprechen hatte der Vorstand der Gehilfen schon am Samstag den 30. April Kenntnis erhalten. Ohne Verzug mußten die Gehilfen, welche am Montag Morgen sich wieder auf ihren Plätzen einstellen sollten, eine Warnung erhalten, und auch das Publikum mußte von dem Vorgefallenen unterrichtet werden. Das Schriftstück war rasch abgefaßt, doch wo und wie sollte es eben so rasch gedruckt werden? Es blieb mir nichts übrig, als mit einigen Gehilfen noch an demselben Abend nach Charlottenburg zu gehen, und eine dort befindliche kleine Druckerei, in welcher ein zweiter Bruder Bruno Bauers sein Wochenblättchen herstellen ließ, zu unserem Zweck zu benutzen. Die eigentliche Besitzerin dieser auf das kärglichste ausgestatteten typographischen Anstalt, eine Lehrerswitwe, sträubte sich lange genug, uns ihr kostbares Gut zu so fragwürdiger Benutzung zu öffnen, schließlich gab sie freundlichem Zureden nach. In der Nacht wurde dann ein Anschlagzettel zustande gebracht, der in der Geschichte der Buchdruckerkunst als ein Unikum seine Stelle finden darf. Nicht nur einzelne Zeilen, sondern einzelne Worte mußten aus verschiedenen Schriftgattungen zusammensetzt werden, weil das vorhandene Material zu einem einheitlichen Satz nicht reichte. Das Ding nahm sich sehr komisch aus, doch es wirkte. Um 5 Uhr morgens hatten sich auf geschehene Anordnung zehn Gehilfen am Brandenburger Thor eingefunden, welche die Zettel in Empfang nahmen und an den ihnen angewiesenen Stellen anklebten. Die Folge davon war, daß wiederum die Arbeit eingestellt wurde. Der vom Geiste des 18. März erleuchtete Magistrat sandte jedoch schon tags darauf einen Stadtrat in die angekündigte Buchdrucker-Versammlung unter den Zelten. Er bat die Gehilfen, an die Arbeit zurückzukehren, indem er ihnen ankündigte, daß die Prinzipale den verhängnisvollen Schein zurückgezogen hätten. Der Ausstand war damit wieder beendigt. Bis zum 1. Juni kam es dann auch zu einer vorläufigen Verständigung über den Gegenstand des Streites. Eine mäßige Erhöhung des Tarifs war die Frucht dieser Bewegung, die sich bald darauf über ganz Deutschland verbreitete und nach einem Jahre unter dem Druck der eingetretenen politischen Reaktion zum Stillstand gebracht wurde, um später doch durch die Gründung eines allgemeinen Gewerk-Vereins in der ursprünglich von mir in Aussicht genommenen Organisation einen festen Boden zu erlangen. Der aus jenen ersten Anfängen hervorgegangene deutsche Buchdrucker-Verein hat, soviel mir bekannt geworden, bisher als solcher seine volle Unabhängigkeit nach allen Seiten hin gewahrt, ohne in das Recht der freien Bestimmung seiner einzelnen Mitglieder einzugreifen.