„Er hat mich überraschen wollen,“ rief Irma mit bebenden Lippen, und bemühte sich tapfer, ihre Tränen zurückzudrängen.
Ilse schlang die Arme um sie und küßte sie.
„Mein armes, liebes Kind,“ sagte sie gerührt. „Es klingt hart, und doch muß ich es aussprechen. Sei nicht zu hoffnungsvoll, sondern bereite dich auf eine Enttäuschung vor. Ich fürchte, daß dir großes Leid bevorsteht, ein Kummer, den wir alle, die wir dich lieb haben, mit unsrer Sorge und Teilnahme dir nicht ersparen, nicht erleichtern können, den du ganz allein durchkämpfen mußt.“
Sie ging hinaus und ließ das junge Mädchen allein. Irma begab sich auf ihr Zimmer. Allerhand romantische Ideen gingen ihr im Kopf herum. Sie empfand Zorn und Bitterkeit gegen ihre Großmutter. Wie kam diese nur dazu, sich unberufen in Dinge zu mischen, die im Grund nur sie, Irma, angingen. Sie war doch schließlich nicht ihre Mutter. Und die Kleine überlegte, ob es nicht das Klügste wäre, ganz heimlich nach München abzudampfen, ihren Eltern alles zu erzählen und ihre Entscheidung anzurufen; aber erstens bangte ihr davor, die weite Reise allein zu unternehmen, zweitens fehlte ihr das nötige Geld, und endlich sagte ihr eine geheime Stimme in ihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmama recht geben, ja vielleicht noch strenger auftreten würden — das war also nichts. Dann dachte sie daran, Gustav zu Hilfe zu rufen. Aber so, wie sie ihren Bruder kannte, sah sie ein, daß er ihr nicht helfen könne. Von Agnes war auch nichts zu erwarten. Endlich kam sie auf die verzweifelte Idee, allem und allen zu trotzen, zu Otto zu gehen und ihm zu sagen, daß sie ihn liebe, ihm vertraue und ohne ihn nicht leben könne. Wußte auch er keinen Ausweg, so wollten sie zusammen auf und davon gehen — alles war besser, als voneinander zu lassen.
Nachdem sie wohl eine Stunde mit solchen abenteuerlichen Plänen sich beschäftigt hatte, wurde sie ruhiger und fing an einzusehen, daß ihr nichts übrig blieb, als sich vorläufig zu fügen. Aber sie tat es mit einem Herzen voll Groll, denn sie fühlte sich tief gekränkt und fand, daß ihr bitteres Unrecht geschah. Ihr Gehorsam wurde überdies auf eine schwere Probe gestellt. Zwei Tage später, als sie mit Großmama beim Frühstück saß und das Dienstmädchen die Postsachen hereinbrachte, bemerkte sie, daß ein Brief von Otto an ihre Adresse darunter war. Auch Ilse war dies nicht entgangen, aber sie stellte sich ganz unbefangen und tat, als sei sie völlig in ihre Zeitung vertieft. An allen Gliedern bebend ergriff Irma den Brief, es war, als brenne das Papier in ihrer Hand, als könne sie die flehenden, leidenschaftlichen Worte durch den Umschlag hindurch lesen — dann warf sie einen verstohlenen Blick nach der scheinbar ahnungslosen Großmama; hätte diese nur wenigstens gezeigt, daß sie wußte, von wem dies Schreiben war, aber auch jetzt vertraute sie Irmas Gehorsam vollkommen.
Plötzlich warf das junge Mädchen den Brief vor die alte Dame auf den Tisch und rief mit erstickter Stimme:
„Da hast du ihn! Aber du handelst schlecht, du tötest mich!“
Und leidenschaftlich schluchzend ging sie hinaus.
Peinlich berührt schaute Ilse ihr nach. Sie vermochte das Kind nicht zu verdammen, denn in diesem heftigen Ausbruch erkannte sie sich selbst wieder, wie sie vor vielen Jahren gewesen war. Sie fragte sich, wie sie in Irmas Alter unter denselben Verhältnissen gehandelt haben würde, und kam zu der Einsicht, daß „der Trotzkopf“ von damals vielleicht noch viel trotziger, eigensinniger und ungehorsamer gewesen wäre. Doch diese Selbsterkenntnis machte sie in ihrem Entschluß nicht wankend; wie groß ihr Mitleid mit dem Kinde auch war, sie mußte fest bleiben und durfte sich nicht von ihrem Gefühle beherrschen lassen.
So nahm sie denn den Brief mit einem Seufzer auf, veränderte die Adresse und sandte ihn zurück.