Einige Tage nach dem geschilderten Ausbruch nämlich reichte Ilse ihrer Enkelin einen offenen Brief, der in der wohlbekannten Hand ihre Adresse trug.

Das Blut stieg Irma ungestüm in die Wangen, dann wurde sie totenblaß und öffnete zitternd das Blatt.

Es war eine gedruckte Anzeige der Verlobung des Barons Otto von Hochstein mit der Freiin Laura von Staufenberg.

Einige Sekunden starrte Irma wie geistesabwesend auf den verhängnisvollen Bogen, der all ihre Hoffnungen zerstörte, allem Liebesglück und Vertrauen ein jähes und grausames Ende bereitete. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, stand auf und wollte der Großmama die Verlobungsanzeige geben, aber plötzlich drehte sich das ganze Zimmer mit ihr im Kreise, sie schwankte und brach mit einem dumpfen Wehlaut zusammen.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Zimmer auf der Chaiselongue. Über sie gebeugt stand die Großmama, die ihr Stirn und Schläfen mit kölnischem Wasser badete und sie so unendlich liebevoll und zärtlich besorgt anschaute, daß Irma die Arme um den Hals der alten Dame schlang und in ein fassungsloses, leidenschaftliches Schluchzen ausbrach.

Kein Wort des Tadels oder Vorwurfs kam über Frau Gontraus Lippen. Sie küßte das Kind, preßte es an sich und suchte es zu beruhigen.

Irma weinte und weinte, als sollte ihr das Herz brechen.

„Es ist furchtbar hart,“ flüsterte Ilse endlich, „aber du mußt darüber hinwegkommen, Liebling, du mußt.“

„Ich kann nicht, er war mein ein und mein alles, Großmama, und mein Vertrauen zu ihm war grenzenlos.“

„Armes Kind, fühlst du denn nicht, wie furchtbar er dich beleidigt, wie schändlich er dich behandelt hat?“