Es wurde beschlossen, Irmas Ankunft der Familie Müller noch einige Tage zu verheimlichen; auch Onkel Heinz hielt es für richtiger, daß sie sich nicht gleich zeigte, und so geschah es, daß die alte Dame und das junge Mädchen am ersten Abend ganz allein waren. Irma saß wieder wie vor Zeiten Großmutter zu Füßen, barg ihr goldgelocktes Köpfchen in deren Schoß und fragte wohl schon zum zehntenmal:

„Bist du nun aber auch wirklich nicht mehr böse auf mich, Großmamachen? Jetzt begreife ich selbst nicht, wie ich so von dir fortgehen konnte. Ist nun wirklich alles vergessen und vergeben?“

Ilse nahm das Köpfchen ihrer Enkelin zwischen ihre beiden Hände und küßte sie so innig und herzlich, daß jede andere Antwort überflüssig war. Dann schaute sie besorgt in das geliebte Antlitz. Es war nicht weniger schön, aber ein leidender Ausdruck lag um den kindlichen Mund, und die Vergißmeinnichtaugen blickten trübe.

„Siehst du nun ein, Kindchen, daß ich nicht anders handeln durfte?“ fragte sie sanft.

Irma nickte.

„Und daß ich dich vor einem großen Unglück bewahrte, indem ich dich hinderte, einen Mann zu heiraten, den du nicht liebtest?“

Irma erwiderte nichts und schaute nachdenklich vor sich hin.

„Siehst du auch ein,“ fuhr die Großmutter flüsternd fort, „daß Hans Reicher viel zu gut dazu ist, nur aus Ärger und Trotz genommen zu werden, und daß du im Begriff warst, ihm ein großes Unrecht zu tun?“

Wieder keine Antwort, und als Ilse sich tiefer herab beugte, sah sie, daß Irma aus den blauen Augen große Tränen in den Schoß tropften.

„Kindchen,“ sagte sie so leise, daß Irma es kaum verstand, „ist es wirklich wahr, ist Hans Reicher dir nicht gleichgültig?“