Fräulein Müller erschrak so heftig, daß sie den Sack fallen ließ; die leckeren Früchte würden sicher auf den Boden gerollt sein, wenn Agnes nicht herbeigeeilt wäre und das Unglück noch rechtzeitig verhütet hätte.

Tantes dürre Finger krümmten sich, und da Karls Haupt sich gerade in ihrem Bereich befand, griff sie in seine Locken und schüttelte ihn tüchtig hin und her.

„Laß mich los,“ rief der Junge, alle Höflichkeit vergessend. „Bist du verrückt geworden, Tante? Ich hab' nicht genascht, sondern du!“

Die ganze Gesellschaft war jetzt herangekommen. Karl befreite sich mit einem Ruck und wollte mit feuerrotem Gesicht und einem drohend nach der alten Dame ausgestreckten Finger verkündigen, was sich zugetragen hatte, als Großmutter Ilse ihm zuvorkam. Mit einem einzigen Blick begriff sie alles und sagte ruhig:

„Das ist auch wahr. Tante Elisabeth erinnert mich daran, daß ich noch eine kleine Erfrischung für unterwegs mitgenommen habe. Reiche sie herum, Agnes.“

Alle schmunzelten verstohlen, schauten sich verständnisvoll an, wagten aber keine Bemerkung zu machen. Agnes prustete los, als sie mit dem Sack zur Tante kam und diese schroff und giftig dankte. Onkel Heinz und Irma lachten laut auf. Böse und neidisch wie eine Spinne, zog sich die alte Jungfer in ihr Eckchen zurück und machte ein Gesicht, als sei ihr das größte Unrecht von der Welt geschehen.

Langsam ging die Fahrt nun wieder bergan, aber die jungen Leute wurden jetzt ungeduldig. Das einförmige Schrittfahren langweilte sie; sie sehnten sich, den Bestimmungsort zu erreichen. Endlich verengte sich die Fahrstraße und einige große Holzgebäude wurden sichtbar. Das waren die Stallungen der Wirtschaft, die ungefähr noch eine Viertelstunde entfernt lag. Hier hatte das Fahren ein Ende, es wurde ausgespannt und die Gesellschaft machte sich zu Fuß auf den Weg.

In der Ferne hörte man schon das Rauschen des Wasserfalls, der das Wirtshaus und seine Lage berühmt gemacht hatte. Bald wurde der Pfad so schmal, daß nur einer hinter dem andern hergehen konnte. Der Professor erbot sich, den Zug anzuführen, er kannte den Weg und sagte, er sei gefährlich. Nun wollte Tante Elisabeth zurückbleiben, sie sei zum Vergnügen mitgekommen und hielte es für eine Sünde, sich Gefahren auszusetzen.

„Unsinn,“ erklärte Frau Gontrau, „Onkel Heinz will uns nur necken; gehen Sie hinter mir her, Elisabeth, und seien Sie nicht bange, es ist nicht schwierig.“

Ängstlich, mit kleinen, vorsichtigen Schrittchen folgte die Tante; sie hielt sich zu Karls unaussprechlichem Gaudium an Ilses Kleid fest, was der Junge gleich nachmachte, indem er die Tante bei den Röcken packte. Dies Beispiel wirkte ansteckend; die jungen Leute faßten einander am Rock oder Kleid, und so ging es im Gänsemarsch in Schlangenwindungen vorwärts. Immer schmäler wurde der Pfad; er führte durch eine tiefe Schlucht. Rechts und links erhoben sich hohe Felswände, von Tannen, Fichten und Buchen gekrönt und mit Moos und Ginsterbüschen über und über bedeckt.