Abdurrahaman Gilani, Nakib in Bagdad.
Das Minarett Suk-el-Gasl in Bagdad.
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GRÖSSERES BILD
Am Morgen des 6. Mais erwachte ich bei einem wahrhaft tropischen Wetter. Es goß in Strömen; wie Glas stand der Regen vor dem Fenster, er klatschte auf die steifen, blanken Palmenblätter, er schäumte aus den Dachrinnen, rieselte die Veranden herein und brodelte in Strömen über den Hof. Der Donner rollte durch schwere, blauschwarze Wolken. Ohne Zweifel tat das tüchtige Sturzbad der nicht gerade sauberen Stadt recht gut: aber sachkundige Leute meinten, es käme viel zu spät; Regen im Mai sei eine ungewöhnliche Erscheinung.
Als das Unwetter einigermaßen vorüber war, machte ich mich fertig, durch den Straßenschmutz nach dem Hause des früheren deutschen Konsuls Richarz zu wandern, wo Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, mein liebenswürdiger Wirt von Bapaume, seit einiger Zeit sein Zelt aufgeschlagen hatte. Die Wechselfälle des Krieges hatten ihn jetzt nach Asien geführt; sein Wunsch, als Führer einer eigenen kleinen Armeegruppe an einer der türkischen Fronten kämpfen zu dürfen, war jedoch zu seinem Bedauern nicht in Erfüllung gegangen. Übrigens war er kein Neuling in diesem Lande, denn in seiner Jugend, vor ungefähr zwanzig Jahren, war er von Jerusalem nach Berlin geritten.
Eben trat ich aus meinem Zimmer auf die Galerie hinaus, da kam mir der Herzog schon entgegen, frisch und munter wie gewöhnlich. Er hatte von meinem nächtlichen Einzug gehört und wollte der erste sein, der mich willkommen hieß. In unsere Regenmäntel gehüllt wanderten wir über die vornehmste Straße Bagdads, die Halil Paschas Namen trägt, zum Hause des Herrn Richarz, einem gewaltigen Viereck, das ein schattenspendender Garten umgab. Offene, überdachte Galerien, die auf geschnitzten und buntbemalten, aber verwitterten Säulen ruhten, boten freie Aussicht über Nachbarhöfe und enge Gassen, auf den großen königlichen Strom und sein anderes Ufer.
Herr Richarz war 1894 bis 1907 deutscher Konsul in Bagdad und von 1912 bis 1914 amerikanischer. Dann hatte er seinen Abschied genommen, war aber hier wohnen geblieben; er mochte sein Haus nicht im Stich lassen, es auch nicht während des Krieges zu einem Spottpreis verkaufen. Außerdem liebte er Bagdad und hatte sich im Lauf der Jahre an sein eigenartiges Klima gewöhnt und sich in diese bunte orientalische Welt, ihre Sitten und Sprachen — Richarz beherrschte fließend ihrer elf — so eingelebt, daß er mit seinen sechzig Jahren dieses ruhige, sorgenlose Dasein nicht ohne Zwang aufgeben wollte. Wie dunkel und farblos waren die Straßen Berlins und Hamburgs verglichen mit den Gassen Bagdads! Mit der Genauigkeit eines Uhrwerkes hatte er sein Tagewerk geregelt; pünktlich zur Sekunde nahm er seine Mahlzeiten, seine Bäder, machte er seine Spaziergänge, las er seine stark verspätet einlaufenden Zeitungen oder die Schätze seiner Bibliothek, und ebenso regelmäßig verrichtete er seine Arbeiten für den deutschen Nachrichtendienst. Salon, Arbeitszimmer, Bibliothek und Speisesaal gingen auf die Galerie hinaus, die um den Hof lief. Im Salon stand ein über Meer und Ströme beförderter Flügel, dessen Innerm sein Besitzer schöne Melodien entlockte, denn er war sehr musikalisch und fand in einsamen Stunden am Klavier die beste Gesellschaft.
Graf Wilamowitz und Konsul Richarz auf dessen Kai in Bagdad