Noch eine schwache Biegung, und in einem Wald von Palmen zeigen sich die graugelben Lehmhäuser des Dorfes Kweiresch. Die Landschaft ist herrlich und übertrifft alles, was der Euphrat bisher an reizvollen Uferbildern geboten hat. Auch hier knarren die Wasserräder ihre einförmigen Melodien. Graue Büffel nehmen ihr Morgenbad im Moor am Ufer und wühlen sich in den Schlamm hinein, bis nur Nase und Hörnerspitzen über dem Wasser zu sehen sind.
Nahe bei Kweiresch erheben sich runde Schutthaufen — hier beginnt das Trümmerfeld des alten Babylon.
Phot.: Deutsche Orient-Gesellschaft.
Aus dem dichten Grün tritt ein ungewöhnlich großes, gutgebautes Haus hervor mit zwei Stockwerken. Wachen stehen vor dem Tor. In seiner Nähe landen wir, und an grauen Gartenmauern vorüber führt uns ein Weg hinauf. Zwei Herren in weißer europäischer Kleidung eilen uns entgegen und heißen uns herzlichst willkommen. Der eine von ihnen, ein älterer Mann mit energischen Zügen, mustert uns mit durchdringenden Blicken unter buschigen Augenbrauen. Sein Name ist weltberühmt. Es ist Professor Robert Koldewey, der gelehrte deutsche Assyriologe. Seit zwölf Jahren ist er hier am Werke, die alten Burgen und Paläste von Babylon auszugraben und diese alte Welt aus ihrem langen Schlummer zu wecken. Unterstützt von einem wechselnden Stab junger Archäologen hat er sich wie kein anderer in diese Vergangenheit hineingearbeitet, und Babylon ist die große Liebe seines Lebens geworden. Sein Begleiter ist der Assistent Dr. Buddensieg. Beide Herren tragen nicht wie wir Tropenhelme, sondern schwarze Schaffellmützen, und der Professor mit seinem dichten, graugesprenkelten Bart gleicht so den Gestalten, die man auf den assyrischen Reliefs abgebildet findet.
Hofinneres des Deutschen Hauses.
Es mag überraschen, daß die deutschen Gelehrten während des Weltkriegs auf ihrem Posten geblieben sind. Aber von Gefahren sind sie ja stets umgeben. Ihre Nachbarn, die Araber, sind nichts weniger als zuverlässig, und nicht selten schwirren Gewehrkugeln durch die Fenster oder pfeifen diesen Männern der Wissenschaft um die Ohren, wenn sie draußen auf dem Felde arbeiten. Der Krieg im Irak hatte die Stellung der Deutschen natürlich noch unsicherer gemacht, besonders seitdem die Engländer ihre Operationen gegen Bagdad begonnen hatten.
Aber gerade der Gefahren wegen, die den Früchten der deutschen Arbeit und den großen Sammlungen drohten, ist Koldewey geblieben, obgleich die Ausgrabungen einstweilen nicht fortgesetzt werden. Nur einmal mußten er und Buddensieg Babylon verlassen, als die britische Armee den Dijala überschritt und nur einige Kilometer von Bagdad entfernt stand. Um der Gefangenschaft zu entgehen, flüchteten sie nach Aleppo. Sie kehrten jedoch bald zurück und fanden ihr Haus geplündert, aber nicht von den Engländern, sondern von den benachbarten Arabern. Diese hatten alles mitgenommen, was für sie von Wert war, Proviant, Geschirr, Porzellan, Kochgefäße, Tischzeug und anderes. Der Verlust, den die Deutsche Orient-Gesellschaft dadurch erlitt, betrug etwa 6000 Mark. Aber Koldewey nahm die Sache mit Humor und erzählte mir lachend, die Araberfrauen in Kweiresch stolzierten jetzt in nagelneuen weißen Kleidern umher, die aus deutschen — Bett- und Tischtüchern geschneidert seien. Die kostbaren Sammlungen, mit denen die Araber nichts anzufangen wissen, hatten die Diebe unberührt gelassen.
Koldewey führte uns im Schatten der Palmen nach dem deutschen Expeditionshaus, dessen starkes Tor für den Fall einer Belagerung mit Riegeln, Balken und Eisenstangen verrammelt werden kann wie in einer Festung. Es geht nach Norden; einen andern Eingang gibt es nicht. Man gelangt zunächst in einen kurzen Korridor, an dessen Seiten die Wachräume liegen; von hier aus führen Treppen nach dem Haus der Gäste, wo auch wir einquartiert werden. Von einer zweistöckigen Galerie gelangt man in die Zimmer. Alle Fenster haben Gitternetze von feinstem Stahldraht, um Fliegen und Mücken fernzuhalten. Gegen Sandfliegen und Moskitos bieten sie freilich keinen Schutz. Aber diese schlimmsten Plagegeister der Gegend beginnen ihre Tätigkeit erst abends, wenn man nicht zu Hause ist. Den Boden bedecken Strohmatten; die übrige Einrichtung besteht aus einem gewaltigen Topf mit frischem Wasser und einem kleineren mit Trinkwasser. Eine dritte Treppe geht auf das Dach; hier steht eine Reihe primitiv gezimmerter Betten, die wir jedoch nicht benutzten, da wir unsere eigenen mitgebracht hatten.