In einer kleinen Soldatenhütte in der Nähe hatten sich vier Ärzte der Kolonne eingerichtet. Sie hatten eben ihr Frühstück beendet, das aus der nächsten Feldküche geholt wurde, wo auch ich die ebenso kräftige als wohlschmeckende Kost versuchte. Oben auf der Höhe, von wo aus sich eine Aussicht über die französischen Stellungen darbot, trafen wir mehrere Offiziere, und unter einem mächtigen Strohdach eine Anzahl Soldaten verschiedener Waffengattungen. In der Nähe hatte man zwei Soldaten im Schatten eines kleinen Wäldchens beerdigt. An den Querarmen der Kreuze hingen frische Kränze, die verrieten, daß die Tapfern, die hier ruhten, erst kürzlich dem französischen Feuer zum Opfer gefallen waren. Ihre Helme schmückten die einfachen Grabhügel.

Auf der Rückfahrt, die auf einer östlicher gelegenen Straße über die Dörfer Condé, Autry und Grand Pré führte, holten wir vier Kompagnien Landsturm ein, an deren Spitze ein Musikkorps marschierte. Es ist ungewöhnlich, so nahe der Front Regimentsmusik zu hören, wo alles so still wie möglich sein soll und nur die Kanonen und Gewehre ihre laute Sprache sprechen. Der General ließ unser Auto die ganze Truppe entlangfahren; dann ließ er neben dem Weg halten, stieg aus und wir folgten ihm. Die ganze Schar mußte nun vorüberziehen; als die erste Kompagnie kam, rief er: »Guten Tag, erste Kompagnie!« Ebenso begrüßte er die übrigen und wurde von ihnen wieder gegrüßt. Es war ein schöner Anblick, diese kräftigen Männer und ihren elastischen Gang zu sehen und ihre dunkelblauen Uniformen, die sich scharf von dem gelblichen Laub der Bäume abhoben, und ebenso prächtig war der General mit dem energischen, aber freundlichen Blick, dem weißen, wohlgepflegten Schnurrbart und dem stahlgrauen Haar. Gerade und aufrecht stand er in seinem grauen Mantel da, die Hände auf dem Rücken. Er hätte sich nicht die Mühe zu machen brauchen, auszusteigen und zu grüßen, aber es freute seine Kriegerseele, diese Männer zu betrachten, die Haus und Heim, Frau und Kind verlassen hatten, um für das Vaterland zu siegen oder zu sterben. Dann fuhren wir an ihnen zum zweitenmal vorüber und lauschten wieder dem anfeuernden Parademarsch, der schließlich hinter uns verklang.

Bei der Rückkehr nach Vouziers übergab mich der General dem Rittmeister von Behr, einem Bruder des Kammerherrn, einem lebhaften, fröhlichen Herrn, der dem General versprach, daß mir nichts abgehen solle. Und er hielt Wort, denn die reichliche Woche, die ich bei ihm und seinen Kameraden zubrachte, hatte ich Gelegenheit, viel zu sehen und zu lernen und mit vielen tüchtigen Männern bekannt zu werden; von Behr hatte schon längst seinen Abschied genommen, aber bei Kriegsausbruch trat er wieder bei den Kürassieren ein und führte eine Reserveschwadron.

Am 29. September war ich zum Abendbrot bei dem Chef der vierten Armee Herzog Albrecht von Württemberg eingeladen. Unter den Gästen waren auch der Kriegsminister Exzellenz von Falkenhayn, der Stabschef General Ilse und die drei jungen Söhne des Herzogs, alle drei prächtige, schöne und begabte Jünglinge. Sie taten Dienst an der Front und hatten sich schon bei mehreren Gelegenheiten durch Tüchtigkeit und Tapferkeit ausgezeichnet. Gegen Schluß der Tafel erhob sich der jüngste von ihnen; er stand an einem andern Teil der Front und mußte dorthin zurück. Er ging um den Tisch herum, nahm von allen Abschied und kam schließlich zu seinem Vater. Der Herzog nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn, sagte aber kein Wort. Keine Szene, keine Tränen, keine Ermahnungen, sich nicht unnötig dem Feuer und andern Gefahren auszusetzen. Es war wie ein gewöhnliches »Gute Nacht, morgen sehen wir uns wieder«. Und doch, für wie viele Offiziere und Soldaten gibt es in diesem Krieg kein »morgen«! Wie viele Familien sehen beim Abschied von ihren Lieben diese zum letztenmal! Wie viele Bande werden für immer zerrissen! Eine Schwester vom Roten Kreuz hatte vierundzwanzig Verwandte im Feld, und man sprach von einem Vater, der acht Söhne draußen hatte und einen neunten sechzehnjährigen, der sich darnach sehnte, ihrem Beispiel zu folgen. Das ganze deutsche Volk hat in den letzten Monaten eine Seelenstärke und -größe an den Tag gelegt, die in unserer Zeit nicht ihresgleichen hat!


[24. »Barbarische« Justiz.]

Als ich »nach Hause« kam, saßen Rittmeister von Behr und seine Freunde Graf Eichstätt und Freiherr von Tschammer noch plaudernd beisammen, und ich gesellte mich zu ihnen. Wir sprachen eben von den Ereignissen des Tages, als ein Rittmeister hereintrat und meldete, Einwohner von zwei etwa zwölf Kilometer entfernten Dörfern, die schon anderthalb Monate in den Händen der Deutschen waren, hätten auf Soldaten geschossen. Aus dem einen Dorf sollten daher alle Männer, aus dem andern alle Männer, Frauen und Kinder gefangen in die Stadt gebracht werden. Der Unterschied schien darauf zu beruhen, daß man in dem einen Dorf auf Flieger geschossen hatte, in dem andern auf Truppen. Hundert Mann Landsturm und eine Schwadron berittener Landsturm sollten sich nachts 1 Uhr nach den beiden Dörfern begeben. Während die Reiter an allen Straßenecken Posto faßten und jeden Fluchtversuch verhinderten, sollten Haus für Haus von der Infanterie durchsucht und alle Einwohner gefangen genommen werden. In der Stadt sollten sie dann vor das Kriegsgericht gestellt und die Schuldigen erschossen werden. So verlangt es das strenge Kriegsgesetz. Es gibt keine Gnade, keine Rettung. Die armen Leute taten mir unendlich leid. Was konnten sie mit einigen armseligen Schüssen gegen eine ganze Armee ausrichten! Glaubten sie vielleicht den törichten Gerüchten, die Brücken der Pioniere seien nur gebaut, um den Rückzug der deutschen Heere vorzubereiten, und das Kriegsglück sei in der letzten Zeit ganz umgeschlagen? Und woher hatten sie diese Neuigkeiten? Natürlich nur von der Zivilbevölkerung selbst. Wer aber solche Gerüchte in die Welt setzte, nahm eine ungeheure Verantwortung für das Leben seiner Landsleute auf sich und gewann dabei nichts.

»Wie erging es nun den Unglücklichen?« wird man fragen. Schon am nächsten Tag hatte ich Gelegenheit, sie auf der Anklagebank zu sehen: lauter alte Leute, Bauern und ihre Frauen; die letzteren weinten und sahen verwundert drein, die Männer zeigten ein ganz gleichgültiges Aussehen. Der Krieg hatte ihnen schon alles genommen, das Leben hatte für sie keinen besonderen Wert mehr. In den wenigen Tagen, die das Verhör dauerte, litten sie keine Not. Ich sah sie einmal in einem Hof an einem großen Tisch beim Mittagessen sitzen. Das Herz drängte mich, für sie Fürbitte einzulegen und an die Barmherzigkeit zu appellieren; der Verstand aber sagte mir, daß man sich nicht in die vom Kriegsgesetz befohlenen Beschlüsse der militärischen Obrigkeit mischen kann und darf. Deshalb muß man sein Herz hart werden lassen und kalt wie Eis. Aber wie ging es ihnen nun? Wurden sie wirklich an einen Baum gebunden und erschossen? Nach ein paar Tagen fragte ich einen meiner Freunde nach ihrem Geschick. »Sie wurden alle freigesprochen,« sagte er, »aus Mangel an Beweisen. Die Täter waren offenbar schon geflüchtet, als unser Landsturm kam; die Verdächtigen wurden alle in ihre Häuser und Gehöfte zurückgeführt.«

Man soll nicht meinen, daß die deutschen Kriegsgerichte solche Fälle leichthin und im Handumdrehen erledigen, als wenn ein Menschenleben in dem eroberten Lande keinen Wert hätte. Nein, die Kriegsgerichte der »Barbaren« sind höchst gewissenhaft, unparteiisch und human.