Roter-Kreuz-Wagen bei Rouvroy.
Er tut seine Pflicht, er darf nicht nachgeben. Die Nervenspannung kann er nicht überwinden, denn er ist ein Mensch. Aber er kehrt nicht um, bevor er seinen Auftrag ausgeführt und erfahren hat, was er wissen will. Seine Aufmerksamkeit ist aufs höchste angespannt, er sieht und hört alles, nichts entgeht ihm. Er bemerkt auch schon auf weite Entfernung den französischen Aeroplan, der auf ihn lossteuert. Aber er ändert seinen Kurs nicht. Sie kommen sich immer näher. Keiner denkt daran, auszuweichen. Ein Zuschauer muß sich sagen, sie gehen einer unvermeidlichen Katastrophe entgegen, sie gehen ins Verderben. Aber so weit setzen sie ihren Flug doch nicht fort, denn bei einem Zusammenstoß stürzen sie beide herunter und finden den Tod, und das betrachtet man auf beiden Seiten als unnütz und unpraktisch. Der eine weicht daher rechtzeitig aus. Der Franzose ist oft mit einem Maschinengewehr bewaffnet, das für seinen deutschen Kollegen bestimmt ist. Daher geht der Deutsche mit Hilfe eines hastigen Griffs im rechten Augenblick entweder unter oder über seinen Gegner hinweg. Kommt er unter ihn, so wird das Maschinengewehr, das nicht nach unten schießen kann, unschädlich. Steht er über seinem Gegner, dann erhält er einen Schutz durch den leichtgepanzerten Boden des Aeroplans. Die Hauptsache ist, daß er nicht in derselben Ebene wie der andere bleibt. Aber es kann sein, daß auch der Franzose aufsteigt, und daß ein Wettstreit entsteht, sich in der Höhe zu überbieten. Oft umkreisen sie sich lange wie ein paar spielende Eintagsfliegen, nähern sich einander, trennen sich, verfolgen und schießen, weichen aber immer einem Zusammenstoß aus. Es ist eine unbeschreibliche Spannung, und unterdes donnern unten die Kanonen und belauern die Soldaten sich in ihren Schützengräben.
Sanitätskraftwagen in Sedan.
Verwundetentransport in Sedan.
Wenn alles normal geht, kann der Flieger drei Stunden in der Luft bleiben. Hat er seine Aufgabe ausgeführt, so fliegt er nach der deutschen Seite zurück, hält den Motor an und gleitet in vier Minuten, die jedoch unendlich lang erscheinen, herab. Er geht im Gleitflug herunter und kann unter gewissen Verhältnissen landen, ohne wieder den Motor in Gang zu setzen. Mit einem Gefühl des Behagens setzt er die Füße wieder auf das feste Land. Wirkliche Ruhe hat er jedoch selten, denn gerade die Fliegerstationen werden von feindlichen Bombenwerfern gern aufgesucht.
Die französischen Flieger steigen oft ohne Beobachter auf, um mehr Bomben mitnehmen zu können. Ist der Apparat mit zwei Personen belastet, so können nur drei Bomben mitgenommen werden, sonst sechs oder mehr. Eine Bombe wiegt 10 Kilogramm und ist einen halben Meter hoch. Die Treffsicherheit richtet sich nach der Übung. Die meisten Bomben richten keinen Schaden an. Am häufigsten werden Pferde getroffen. Als ich in Bapaume war, flog ein Flieger über ein Biwak in der Nähe. Fünf Mann hielten es für ratsam, unter einem schwer belasteten Bagagewagen Schutz zu suchen. Aber der Wagen wurde getroffen, und von den Leuten fanden sich nur noch Fetzen vor, als Hilfe anlangte.
Ich habe schon früher von der unerhört wichtigen Rolle gesprochen, die die Flugmaschinen in diesem Krieg gespielt haben, und daß sie während der ersten Monate des Kriegs immer mehr verfeinert und vervollkommnet worden sind. Mein Gewährsmann in Bapaume glaubte behaupten zu können, daß derjenige, der die besten Flugmaschinen und die geschicktesten Flieger hat, in einem Stellungskrieg gewinnt, einem wirklichen Festungskrieg, wie er jetzt an der Westfront ausgefochten wird.