Achtzehn Kilometer bis Löwen. Innerhalb der Stadt fährt man ein gutes Stück, bis man die ersten Ruinen erreicht. Ganz Löwen ist keineswegs zusammengeschossen, wie man sich vorgestellt hat. Kaum ein Fünftel der Stadt ist zerstört. Zwar kommen auf dieses Fünftel mehrere kostbare und unersetzliche Bauten; besonders beklagenswert ist der Verlust der Bibliothek. Inmitten dieser Verwüstung erhebt sich aber wie ein Fels im Meer das Rathaus, das stolze Kleinod aus der Zeit von 1450 mit seinen sechs schlanken Türmen in durchbrochener Arbeit. Ich ging um das Rathaus herum und konnte mit dem besten Willen keine Schramme in diesen mit verschwenderischem Reichtum geschmückten Mauern entdecken. Vielleicht findet sich irgendwo eine Ritze von einem Granatsplitter, die meiner Aufmerksamkeit entgangen ist. Dank der Treffsicherheit der deutschen Artillerie ist auch nicht ein Gesims der sechs Türme beschädigt. Der Anlaß zum Bombardement von Löwen ist bekannt. Beim Einzug in die Stadt wurden die deutschen Truppen von der Zivilbevölkerung aus den Fenstern beschossen, und da das Verbrechen nicht auf andere Weise bestraft werden konnte, wurden die Häuser in Brand geschossen. Als dann deutsche Soldaten das Feuer in den dem Rathaus benachbarten Häusern zu löschen suchten, lauerten ihnen die Franktireurs wieder mit ihren Büchsen auf! Jede andere Armee der Welt hätte ebenso gehandelt, und die Deutschen haben es selber tief beklagt, daß sie gegen ihren Willen gezwungen wurden, zu solchen Mitteln zu greifen.

Von Löwen fuhr ich nach Mecheln, eine lange Strecke den Kanal entlang, der die beiden Städte vereint und wo man plötzlich die Masten von Schuten zwischen den Bäumen der Parks und Alleen hervorlugen sieht. Nach Mecheln kamen wir gerade zu der Beerdigung eines Marinesoldaten, der auf seinem Posten gefallen war. Der Tote wurde auf einem belgischen Leichenwagen zu Grabe gefahren, hinterdrein gingen etwa hundert Soldaten aus der Armee und Flotte. Nach Hinabsenkung der Leiche wurden drei Gewehrsalven abgegeben und das Grab zugeschüttet. Auf dem kleinen Kirchhof waren viele deutsche, mit Kränzen und Helmen geschmückte Gräber und zwei Massengräber.


[39. Die weiße und die schwarze Marie.]

Ein trüber Tag, der 16. Oktober! Kein Zipfel zu sehen von der deutschen Reichsflagge, die schon eine ganze Woche vom Turm der Kathedrale Antwerpens, hundertdreiundzwanzig Meter über der Erde, herabwehte. An dem Eingang nach der Place Verte zu stand ein älterer Portier mit unbeschreiblich strenger Amtsmiene. Er würdigte mich kaum eines Blicks, als ich in höflichstem Ton fragte, ob die Kathedrale offen sei. »Die Kathedrale ist offen,« antwortete er, »aber nur für deutsches Militär.« Schön, mein Alter, dachte ich und zog meinen »Sesam, öffne dich« heraus, den Ausweis General Moltkes. Der Portier las das Papier und bekam von Zeile zu Zeile ein immer längeres Gesicht. Als er zu Ende war, nahm er seine Mütze ab und sagte: »Ist es wirklich wahr, da kann ich ja dem Herrn Doktor sagen, daß ich Schwede bin, geboren in Wisby, seit dreißig Jahren ansässig in Antwerpen, und Dahlgren heiße.«

Genug, die Kathedrale stand auch für mich offen, und der ehrenwerte Dahlgren führte mich umher. Nur eine einzige Granate oder besser ein einziger Granatsplitter ist in die Mauer unter dem großen Fenster über dem Eingang an der Place Verte eingeschlagen. Der Schaden ist nicht der Rede wert, er kann in einem Tag ausgebessert werden. Wäre aber diese Granate bösartig gewesen, und hätten Rubens' berühmte Gemälde, die Kreuzigung und die Kreuzabnahme, an ihren früheren Plätzen im Kreuzgang gehangen, dann hätten sie in großer Gefahr geschwebt. Man hatte sie indes vor dem Bombardement in Sicherheit gebracht, wie alle andern kostbaren Gemälde und Kunstschätze Antwerpens. Und die einzige Spur, die die Granate im Innern der Kirche hinterlassen hat, ist ein Riß in einer Säule.

Inmitten des nördlichsten Seitenschiffs steht auf einer Bahre ein Bild der heiligen Jungfrau, die prächtige bis auf die Füße reichende Kleider und eine goldene Krone trägt. Am Sonntag nach dem 15. August wird sie alljährlich in Prozession durch die Stadt getragen. Heuer aber, wo ihre Hilfe so sehr not tat, begnügte man sich damit, lange Opferlichte vor der himmlischen Königin anzuzünden. Und dieses Jahr blieb sie allen Bitten taub! Und dabei zeigt die Glasmalerei eines Fensters, wie Karl V. diesem Marienbild die Schlüssel Antwerpens übergibt. Die Schlüssel Antwerpens! Die »schwarze« Marie hatte sie jetzt im Besitz, nicht ihre weiße Namensschwester!

Schwester Martha und Dr. Hütten in Löwen.

Die Kanzel ist von van der Voort aus kernigem Eichenholz geschnitzt. Sie ist zweihundert Jahre alt, aber die Eichen waren vielleicht fünfhundertjährig, als sie ihr Holz der Verkündigung von Gottes Wort opferten. Die vier Frauengestalten, die die Kanzel selber tragen, sind bemerkenswert; sie stellen die vier Weltteile dar — Australien war damals nur mangelhaft bekannt. Drei Figuren erhalten genügend Licht, aber die mit den dicken Lippen und der platten Nase, das dunkle Afrika, der Weltteil der Schwarzen, steht in tiefem Schatten. Vier Kontinente tragen den Platz, von dem den Menschenkindern Gottes ewige Liebe gepredigt wird — ein schöner Gedanke des Künstlers. Er glaubte wahrscheinlich, die Welt werde in den kommenden Jahrhunderten vorwärtsschreiten. Nun aber verkünden fünf Weltteile das Evangelium des Kriegs und des Hasses! Die beiden Westmächte der Entente tragen die Verantwortung für den großen Totentanz. Denn sie kämpfen mit Massen zusammengeraffter Völker. Da kommen Kanadier auf ihren Schiffen aus Amerika, Turkos und Senegalneger aus Afrika; sonnverbrannte Hindus und Gurkhas aus Indien liegen frierend in den Schützengräben, und die Antipoden Australiens und Neuseelands senden Hilfstruppen. Und das Ziel dieses Weltaufgebots? Die germanische Kultur soll vom Erdboden vertilgt werden! Die Träger dieser Kultur, das Volk Luthers, Goethes, Beethovens, Helmholtz' und Röntgens, werden Barbaren und Hunnen genannt und sind eine Gefahr für die Zukunft und Zivilisation der weißen Rasse! Gurkhas und Senegalneger mußten ja wohl kommen, uns vor der Verfinsterung zu bewahren! Der Künstler, der einst die Stirn hat, das Völkeraufgebot von 1914 zu verherrlichen, sollte nicht vergessen, daß er in van der Voorts Frauengestalt mit den dicken Lippen und der platten Nase ein dankbares Motiv vorfindet.