[43. An der Front bei Lille.]

Am Morgen des 30. Oktober bestiegen wir das Auto des Herzogs, um zur Feuerlinie zwischen Lille und Armentières hinauszufahren. Wir waren zu viert: Am Steuer der Chauffeur des Herzogs, neben ihm der Erbprinz von Hohenzollern, das Signalhorn besorgend, der Herzog und ich. Es hatte geregnet. Die Landwege waren schrecklich, die Chausseen schlüpfrig und gefährlich, und über dem nordöstlichen Frankreich lag kühler Nebel.

Zunächst bogen wir auf die große Landstraße nach Arras ein und behielten diesen Kurs bei, solange man ruhig fahren konnte, ohne gerade totgeschossen zu werden. Bei dem zusammengeschossenen und verbrannten Boiry bogen wir rechts ab, verloren aber in dem Gewirr von Dorfstraßen den Kurs. In Croisilles waren wir wieder auf dem rechten Weg. Hier zeigten sich Flaggen des Roten Kreuzes, Schwerverwundete wurden in die Krankenhäuser getragen. Eine Kolonne leichte Feldhaubitzen rollte nach Arras. Auf dem Felde nahmen Soldaten friedlich Kartoffeln aus, und in ihrer Nähe waren alte Männer, Frauen und Kinder mit der Ernte von Zuckerrüben beschäftigt, die hier viel angebaut werden.

Endlich sind wir auf der großen Straße zwischen Cambrai und Douai. Über Pont-à-Marcq kommen wir bis an den äußeren Fortgürtel von Lille heran und dann nach wenigen Minuten durch die Porte Douai in die Stadt hinein. Der Stadtteil in der Nähe dieses Tores liegt in Trümmern.

Im übrigen ist Lille ganz unversehrt. Man kann straßauf, straßab fahren, ohne irgendwo eine Wirkung des Granatfeuers zu sehen. In der Mitte der Stadt sind die Straßen obendrein belebt, und viel Volk ist unterwegs. Junge Damen von unzweifelhaftem Ruf schweben in modernen Kostümen über die Fußsteige wie Schmetterlinge. Viele Geschäfte und Hotels sind offen und in Betrieb, als wenn nichts geschehen wäre. Das einzige, was an den Krieg erinnert, ist außer den zerstörten Stadtteilen das deutsche Militär — Reiter, Wagen und Kolonnen.

Hinter dem Dorf Lomme fahren wir weiter in der Richtung nach Armentières. Rechts und links Wäldchen, Gärten, Parks, Gehöfte und Dörfer; der Weg ist schmal und aufgeweicht. Eine gut maskierte Batterie ist in voller Tätigkeit. Von der feindlichen Seite kommt der Kanonendonner immer näher, wird aber meist von dem steten Surren des Automobils übertönt. Nur wenn wir die Fahrt verlangsamen oder halten, scheint der Donner beunruhigend nahe zu sein. Bei einem Landgut, vielleicht einem Herrensitz, lag etwa 100 Meter nördlich der Straße ein Wäldchen kaum bis zur Hälfte entlaubter Bäume. In voller Schnelligkeit fuhren wir, sahen aber glücklicherweise einen jungen Leutnant und zwei oder drei Soldaten, die unter den Bäumen standen, uns verzweifelte Zeichen machten und so laut als ihre Lungen es vermochten, »Halt!« riefen.

Wir hielten sofort, so schnell das bei der raschen Fahrt möglich war, und gingen über eine sumpfige Wiese zu dem Leutnant hin, der an einem Tisch mit Karten, Schmiegen, Federn, Ferngläsern usw. stand, und hörten, jeder Schritt weiter in dieser Richtung sei lebensgefährlich. Und er schien recht zu haben: es klang, als wären wir von allen Seiten vom Feuer umgeben! Vor uns, auf einer Linie von Nordnordost nach Südsüdwest, lagen die nächsten deutschen Schützengräben; deutsche Artilleriestellungen waren vor, hinter und neben uns. Die Batterie, an der wir eben vorübergefahren waren, entsandte ihre vollen Ladungen, ihre Geschosse pfiffen nur so über die Baumwipfel. Vor uns im Norden, Westen und Südwesten donnerten französische Batterien. Wir waren wie in einem Ring von Kanonen, die einander laute Liebenswürdigkeiten zuriefen.

In nächster Nähe des Wäldchens stand eine Batterie von 15-cm-Haubitzen, zwischen Bäumen und Büschen vortrefflich versteckt; man sah sie erst aus nächster Nähe. Die Kanonen waren zum Teil mit Laub bedeckt, damit sie nicht von obenher erkannt würden; Munitionsvorrat, Hütten und Proviant der Bedienung war ebenso sorgfältig verborgen. Zum Schutz gegen feindliches Feuer hatten die Leute unterirdische Höhlen. Aber jetzt saßen sie oben bei ihren Geschützen in voller Bereitschaft. »Warum schießen Sie nicht?« fragte ich. »Dort über dem Wäldchen«, antwortete der Leutnant und zeigte nach Südwesten, »kreist ein französischer Flieger, jedenfalls will er unsere Batterie feststellen. Wir haben wahrscheinlich auf der französischen Seite Schaden angerichtet, und nun suchen sie uns, bisher aber vergeblich. Die feindlichen Granaten krepieren südwestlich von hier in einem Abstand von nur 500 Metern. Noch gehen sie nicht bis hierhin, aber sie kommen näher und können die Batterie jeden Augenblick erreichen. Wenn wir jetzt schießen, während der Flieger in der Luft ist, dann hätten wir bald das feindliche Feuer über uns.«

Der Flieger zog ein ums andere Mal seine Kreise rings um das Wäldchen. Solange wir an dem Beobachtungsplatz des Leutnants verweilten, kreiste er über demselben Fleck; er suchte offenbar die Antwort auf eine ganz bestimmte Frage. Jedenfalls sollte die Projektion seiner Flugbahn auf dem Erdboden das Ziel für die feindlichen Granaten angeben; auch schien er mit Flaggen und mit weißem und rotem Licht Signale zu geben. Die Batterien, die an diesem Teil der Front den Deutschen gegenüberstanden, sollten alle englische sein.

Der Leutnant und die Soldaten auf dem Beobachtungsplatz und an der Batterie verfolgten die Bewegungen des Fliegers mit größter Aufmerksamkeit, und unter den Bäumen standen besondere Wachen, die »Halt!« rufen mußten, falls jemand in der Nähe ging oder sich rührte, während der Flieger seinen Aeroplan so steuerte, daß er freie Übersicht auf dieser Seite hatte. Wenn er aber langsam umgekehrt war und uns den Rücken wandte, durften wir uns wieder frei bewegen. Doch war sein Kreis nur klein, und wer von der Batterie zum Beobachtungsplatz ging, mußte sich beeilen, denn bald war der Feind wieder da, und man lief Gefahr, entdeckt zu werden.