Am 18. Januar gelangten wir an das Tal von Dschong-duntsa, eine sehr breite, 50 Meter tief in mächtige Geröllbette eingeschnittene Furche ([Abb. 182]). Von dem Stocke des Anambaruin-ula gehen unzählige derartige Täler nach Norden, vereinigen sich nach und nach zu Hauptbetten und laufen in die Wüste hinaus, wo sie jedoch bald aufhören. Nur dadurch, daß wir eine kleine Schlucht, die in das obengenannte Haupttal ausmündet, hinuntergingen, konnten wir seinen Boden überhaupt erreichen ([Abb. 184], [185], [186]). Sie schlängelt sich wie ein Korridor, in dem das Echo hellklingt, zwischen lotrechten Geröllwänden hin. Sie hat ziemlich steiles Gefälle und wird immer enger und dunkler. Doch nach einer letzten Biegung wird es wieder hell, und das sonnenbeleuchtete Tal mit seiner Vegetation und seinem eisbedeckten Flusse strahlt uns wie durch eine geöffnete Pforte entgegen. Auf dem linken Ufer des Flusses lagerten wir in einer großartigen, phantastischen Natur.
Die Talmündungen, die vom Gebirgsstocke des Anambaruin-ula ausgehen, sind wahrhaft großartige, entzückende Gegenden. In einer von ihnen, die Lu-tschuentsa heißt, lagen in einem Walde von kleinen Weiden mächtige Eistafeln, an den Bachufern wuchs prachtvolles Gras, und Steinhütten und Gerstenfelder verkündeten, daß sich hier vor noch gar nicht langer Zeit Mongolen aufgehalten haben ([Abb. 187], [188]). Der Weg selbst ist um so schlechter, mit Riesenschluchten bis ins Unendliche und mit zahllosen kleinen Furchen dazwischen. Sie sind oft tief zwischen lotrechten Wänden eingeschnitten; das Ganze ist ein Meer von Geröll, malerisch, aber beschwerlich. Die Karawane verschwindet manchmal in diesen Rinnen und taucht an einer weniger steilen Stelle wieder auf.
Bei dem Lager am Gaschun-gol schoß Schagdur ein wildes Kamel. Diese Tiere kommen in der Gegend ziemlich häufig vor, bald nördlich von unserem Wege auf den untersten Abhängen des Gebirges und am Rande der Wüste, bald auch, merkwürdigerweise, in den südlichen Tälern, wo es meiner Meinung nach nicht schwer sein müßte, ganze Herden in Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg gibt, hineinzutreiben. Wir sahen sie oft in Herden von 15–20 Tieren.
Am 24. Januar wurde die letzte Strecke bis Chan-ambal zurückgelegt, wo wir auf derselben Stelle wie vor drei Wochen lagerten. Nahe dabei trafen wir die einzige Karawane, die wir auf dieser ganzen viermonatigen Reise sahen, zwei Chinesen, die auf zehn Kamelen gedörrte und gefrorene Fische nach Sa-tscheo brachten. Sie kamen, wie sie sagten, aus Lovo-nur, d. h. Lop-nor. Ich wollte ein oder zwei Pakete ihrer Fische erstehen, aber sie weigerten sich hartnäckig, uns etwas zu verkaufen. Meine Leute schlugen vor, wir sollten uns ganz einfach nehmen, was wir brauchten, aber ich bin nicht für Gewalt und zog es vor, die Chinesen unbehelligt weiterziehen zu lassen.
Mit der Rückkehr an diesen Lagerplatz, der von Abdall gerechnet Nr. 131 war, hatten wir den Anambaruin-ula umgangen, aber den eigentlichen Zweck des ganzen Umweges, uns Kamele zu verschaffen, nicht erreicht. Wir hatten nicht einmal ein Pferd kaufen können, und unsere Karawane war durch den Umweg ermüdet worden. Die Kamele befanden sich noch in guter Verfassung, aber mehrere Pferde zeigten schon Symptome der Erschöpfung. Der Gewinn der Reise war, daß wir ein geographisch sehr merkwürdiges Land kennengelernt hatten.
Große Strecken unbekannten Landes lagen noch vor uns, und in der Zusammensetzung der Karawane mußte eine Änderung vorgenommen werden. Sechs Pferde, die nicht aussahen, als hätten sie noch Kräfte genug für zweimonatige Strapazen, wurden ausgeschieden, und alles, was sich entbehren ließ oder jetzt nicht notwendig war, von unserem Gepäck abgesondert, besonders alle Gesteinproben und Skelette. Mit dieser kleinen Karawane sollten Tokta Ahun und Ahmet nach Abdall zurückkehren. Ersterer hatte außerdem folgende wichtige Aufträge auszuführen. Mit den müden Pferden sollte er sich von Abdall nach Tscharchlik begeben und dort von Tscherdon und Islam Bai allerlei später für uns notwendige Proviantartikel erhalten, worüber ich ihm schriftlichen Befehl an die beiden mitgab. Sodann hatte er wieder nach Abdall zurückzukehren, um uns von dort aus entgegenzukommen, und den Postdschigiten, der der Verabredung gemäß während meiner Abwesenheit vom Generalkonsul in Kaschgar in Tscharchlik angelangt sein mußte, ebenfalls mitzunehmen. Der Dschigit sollte hierbei noch immer dafür verantwortlich sein, daß mir die Posttasche in unverletztem Zustande übergeben würde. Von Kum-tschappgan sollte Tokta Ahun drei volle Tagereisen am Nordufer des Kara-koschun entlangreiten, drei frische Pferde mitnehmen und in einer geeigneten Gegend ein Standlager errichten. Zwei Kähne und einige gut mit der Gegend bekannte einheimische Fischer hatte er ebenfalls mitzubringen.
Nachdem diese Hilfsexpedition einen guten, angenehmen Rastplatz ausgesucht, sollte sie dort eine Hütte bauen, ihre Netze auslegen und Enten fangen, damit wir, die aus der Wüste kommen würden, nach den Anstrengungen Obdach und Verpflegung vorfänden. Auf einem nach Norden weithin sichtbaren Hügel sollten sie zweimal täglich, um 12 Uhr mittags und nach Einbruch der Dunkelheit, ein Feuer anzünden, dessen Rauchwolken und Schein uns als Leuchtturm dienen könnten. An dem verabredeten Vereinigungspunkte drei Tagereisen nordöstlich von Kum-tschappgan mußten sie sich in spätestens 45 Tagen, vom 27. Januar an gerechnet, einfinden und sofort mit dem Signalisieren beginnen, sowie geduldig auf unsere Ankunft warten, falls wir aufgehalten werden sollten. Tokta Ahun war betrübt, daß er sich von uns trennen sollte, aber ich tröstete ihn damit, daß es sein Vorteil sein würde, wenn er seinen Auftrag gut ausführe.
So dezimiert, zogen wir am 27. Januar weiter, um die Wüste Gobi gerade nach Norden zu durchwandern. Wir marschierten also durch das Tal hinunter, das der Anambaruin-gol durch die Bergkette des Astin-tag geschnitten hat. An einer Flußbiegung standen drei von Äckern umgebene mongolische Steinhütten. Das Tal erweitert sich, die Berge auf seinen Seiten bilden isolierte Partien, Hügel und wellenförmiges Land, das schließlich in die Wüste übergeht. Auch der Fluß wird schwächer, seine Uferterrassen werden immer niedriger, seine Eisschollen immer dünner, und nur ein unbedeutendes Rinnsal rieselt noch unter ihnen. Der Schnee wird immer seltener, und es war deutlich zu beobachten, daß er bald ganz aufhören würde.
An dem Punkte, wo die letzten Eisschollen im Tale lagen, machten wir eine bedeutungsvolle Rast. Wo und wann würden wir das nächste Mal Wasser finden? Darüber schwebten wir in gänzlicher Ungewißheit. Der Sicherheit halber befahl ich, für 10 Tage Eis mitzunehmen. Die Eisdecke des Bettes wurde aufgebrochen und fünf Säcke mit dicken Scheiben gefüllt. Ein Sack reichte, unserer Ansicht nach, volle zwei Tage für Leute und Tiere.
Die schon vorher ansehnlichen Lasten der Kamele wurden hierdurch noch vergrößert, aber das Terrain war gut, und es ging eben und langsam bergab. Es ist herrlich, das Gebirge hinter sich lassen zu können und erst in einer freundlicheren Jahreszeit dorthin zurückzukehren.