337. Der Kitschik-kumdan-Paß in der Nähe des Kara-korum. ([S. 368].)
In Tschernajewa nahm ich herzlichen Abschied von dem prächtigen Tschernoff, der sich über Taschkent nach Wernoje begab. Tscherdon und der Lama begleiteten mich über das Kaspische Meer. Der gute Lama staunte, als er sah, wie die Räder des großen Dampfers uns auf den See hinausbrachten. Beide sollten von Petrowsk nach Astrachan weiterfahren, wo der Lama sich für die Zukunft in einem Kalmückenkloster niederzulassen beabsichtigte. Petrowskij und ich hatten ihn dem Gouverneur aufs beste empfohlen. In Kara-schahr wagte er nicht mehr sich sehen zu lassen, und das Betreten des Gebietes von Lhasa war ihm vom Kamba Bombo für immer untersagt worden; deshalb wurde er russischer Untertan. Tscherdon fuhr mit der sibirischen Eisenbahn wieder nach seiner transbaikalischen Heimat.
Ja, es war schmerzlich, von ihnen allen zu scheiden; hatte ich doch lange Jahre mit diesen Männern durchlebt! Ihre Tränen bewiesen, daß auch sie mit Bedauern und Zuneigung Abschied von mir nahmen. Von einigen von ihnen habe ich später Nachricht erhalten, und ich weiß zu meiner großen Freude, daß Schagdur wenigstens schon innerhalb der Grenzen Rußlands ist und sich bereits in Osch befindet. General Sacharoff in Petersburg hat bei mehreren Gelegenheiten die große Freundlichkeit gehabt, mich von den weiteren Schicksalen meiner lieben Kosaken in Kenntnis zu setzen. Kürzlich erhielt ich einen Brief von Oberst Saizeff, den ich nicht ohne Rührung las. Er enthielt eine Beschreibung davon, wie Schagdur über seine Eindrücke von der ganzen Reise, besonders aber unsern Ritt nach Lhasa und die Reise nach Indien berichtet hatte; es freute mich zu hören, daß er mir ein gutes, liebevolles Andenken bewahrte.
Alle vier Kosaken wurden von König Oskar mit eigens geprägten Goldmedaillen ausgezeichnet, welche zu tragen der Zar ihnen erlaubte. Von ihrem eignen Kaiser wurden sie mit dem Ehrenzeichen des Sankt-Annenordens und je 250 Rubel bedacht. Auch Turdu Bai und Chalmet Aksakal erhielten vom König goldene und Faisullah eine silberne Medaille für treuen, redlichen Dienst. Bei einer Audienz in Peterhof freute sich Kaiser Nikolaus herzlich, als er hörte, wie zufrieden ich mit den Kosaken gewesen, deren Betragen vom ersten bis zum letzten Tage über jedes Lob erhaben gewesen war. An den Kriegsminister General Kuropatkin sandte ich darüber einen offiziellen Bericht.
Ich werde nicht versuchen, die Gefühle zu schildern, die auf mich einstürmten, als ich am 27. Juni 1902 mit dem Dampfer v. Döbeln in die schwedischen Schären einfuhr. Wie manchesmal hatte ich Veranlassung gehabt, mich zu fragen, ob ich diese lieben, alten Felsenklippen, die wie Außenwerke um die Heiligtümer meiner Kindheitserinnerungen stehen, wohl je wiedersehen würde! Drei Jahre und drei Tage, mehr als 1001 Nacht waren vergangen, seit ich von meinen Eltern und Geschwistern Abschied genommen hatte. Wie bitter war jener Junitag gewesen gegen diesen, an dem ich sie alle gesund und über meine Heimkehr beglückt wiedersah. Sie erwarteten mich auf demselben Kai, auf dem wir einander Lebewohl gesagt hatten. Jetzt prangte ein neuer Sommer in seiner größten Schönheit, und die Fliederbüsche blühten gerade wie damals. Die langen Jahre, die inzwischen vergangen waren, erschienen mir wie ein Traum; es war mir, als sei ich nur ein paar Tage fortgewesen, alles war unverändert.
Schon am folgenden Tage durfte ich dem König, der stets mit so warmem, erlauchtem Interesse, so großartiger Freigebigkeit und väterlicher Huld meine Pläne beschützt, ihre Ausführung gefördert und mich persönlich ausgezeichnet hatte, über das Ergebnis der jetzt beendeten Reise Bericht erstatten. Ein neuer Stein war dem Bau hinzugefügt worden, der, wie ich hoffe, noch lange nicht fertig ist.
Doch das Beste von allem war, wieder zu Hause zu sein und das innerste Asien und Tibet, die meine Gedanken so lange beschäftigt hatten, für einige Zeit vergessen zu dürfen. Je größere Kreise man um die Erde zieht, desto heißer wird die Liebe zum Vaterland, besonders wenn dieses, wie das meine, so reich an Ehre und glorreichen Erinnerungen ist. Wenn alle gutgesinnten Bewohner des Reiches es verständen, auf den schon in der Wiege ihnen gewordenen Ehrentitel stolz zu sein, nämlich darauf, daß sie einer Nation angehören, deren Geschichte zu einem großen Teil eine Heldengeschichte ist, so würden keine äußeren Gefahren je unsere Freiheit bedrohen können. Unsere Kraft wächst, und unsere Lage ist jetzt unendlich viel besser, als sie es während mancher kritischen Augenblicke in vergangenen Zeiten war. Doch die Vaterlandsliebe ist unser hauptsächlichster Schutz. Sie muß im Elternhause und in der Schule eingeprägt, in den Kirchen gepredigt und in den Kasernen entflammt werden; sie muß das ganze Volk durchdringen, ihm Kraft und Eintracht schenken und jeden einsehen lehren, daß das Vaterland allen anderen irdischen Interessen vorgeht. Wenn alle an demselben großen Ziele arbeiten, wenn eigennützige Bestrebungen in den Hintergrund treten, dann können wir mit frohen Hoffnungen einer neuen Größezeit innerhalb unserer eigenen Grenzen entgegensehen.
Wenn man, wie ich, in vielen Ländern gesehen und erfahren hat, wie andere Menschen leben müssen, muß man sich beglückwünschen, einem Volke anzugehören, dem ein so glückliches Los zugefallen ist wie dem unsrigen.
Ohne eigne Vergleiche ist es jedoch vielleicht schwer, diese Überzeugung zu gewinnen. Glaubt daher meinen Worten, wenn ich mit diesen wenigen Zeilen meine Erfahrungen andeute!
Und hiermit sage ich dem geduldigen Leser für diesmal Lebewohl!