Strix rührt die Lunge nicht an. Gefräßig starrt sie dem hahnenschnäbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht drei lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann ihr bißchen Eulenverstand fassen, daß diese Fratze alles erwägt, was ihrem Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem Vollmond-Kälteglanz umgeben!
Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht, um aus dem Bauer zu entkommen ...
Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem Schnabel an den Gitterstäben auf und nieder kratzt, und sie schlägt sich den starken Ellbogen blutig durch ihr ständiges Stoßen. Aber das Bauer ist solide, es hält!
Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so daß sie gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurückzuziehen, fängt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen zu wühlen. Sie schlägt ihren Fang in den Stock und fährt auf ihn los, so daß das Blut aus dem verletzten Flügelknochen ihm ins Gesicht spritzt — und sie hört da draußen ein mächtiges Krähen.
Ihre Federn sträuben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da und faucht, die Flügel wie einen Schild vorn über dem Kopf erhoben.
Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen herangeschlichen; sie öffnen sich und schließen sich am Ende ihrer dünnen, storchähnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift, nimmt die andere die Gelegenheit wahr — und dann auf einmal beißen sie sich in ihre beiden Ständer fest. Sie schlägt mit den Flügeln um sich und fällt hin ...
Da spürt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn bläst ihr seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust, benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beißt blindlings um sich. Ein Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschläfernde Wolke senkt sich über sie — sie muß schlafen, sie mag wollen oder nicht.
Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm, nur daß er ganz eng ist, und er schaukelt, als sei der Baum während eines Orkans im Begriff umzufallen.
Sie ist an den Gutsförster verkauft, an einen kleinen Teufel von Mann, eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemüt wie hart von Händen. Es ist dem Förster endlich — dank Vogelhansens nie versagendem Ammoniak und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange — gelungen, Strix in seine Gewalt zu bekommen und sie in den großen, einem Rucksack ähnelnden Eulenkorb zu sperren, der auf seinem Rücken schlingert. Jetzt radelt er mit ihr nach Hause. Strix soll als „Auf“ gebraucht werden!
Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mürbe wird und mit sich „reden läßt“. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat, dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewöhnt werden, sich um einen der Ständer fassen zu lassen, um mit dem Rücken am Boden des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden. Sie soll daran gewöhnt werden, wie eine brütende Henne angebunden zu sein und wie ein Piepvogel auf der Hütte zu sitzen, während die Krähen sie umlärmen und ausschimpfen, und er, der Förster, im Hinterhalt liegt und eine Krähe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erlös soll zwischen ihre drei Aktionäre verteilt werden.