Der reisemüde Adler schläft und schläft ...

Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald — ein wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam verstärkt wird.

Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen Geschnarch geweckt werden, das zu einem langen, bullernden Schnarchen anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt — und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen.

Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen — jedes dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener Klecks auf allen Knorren und Narben.

Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem Orkan steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.

Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe, während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten, halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald oben in den Baumkronen.

Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß. Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß.

Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind schon ein blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel — und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.

Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer Flügelarme und Schlagfedern bedienen.

Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe, wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.