»Sehr einfach,« erkläre ich ihm, »entweder ein Mensch kennt seine Vorzüge nicht, dann ist seine Bescheidenheit nicht Bescheidenheit, sondern die selbstverständliche Folge seiner Selbsteinschätzung. Oder ein Mensch kennt seine Vorzüge, dann kann seine Bescheidenheit nichts anderes sein, als Heuchelei, im besten Falle Anstandsgefühl oder Rücksichtnahme auf Schwächere, alles, nur keine Bescheidenheit.«

»Auf diese Weise läßt sich alles aus der Welt wegdisputieren,« sagt Georg verstimmt, »aber ich bin optimistisch genug zu behaupten, –« – »Ich muß Sie noch weiter ärgern,« unterbreche ich ihn lachend, »und behaupte, daß es mit dem Optimismus fast dieselbe Sache ist. So sicher Sie nämlich in dem Moment unbescheiden sind, in dem Sie sich Ihrer Bescheidenheit bewußt werden, so sicher sind Sie nicht mehr optimistisch in dem Augenblick, in dem Sie sich so nennen. – Ich will das erst beweisen,« fahre ich fort, da er versucht, Einwendungen zu machen.

»Optimistisch sind Sie, solange Sie die Welt schöner und besser sehen, als sie ist. Sobald Sie aber wissen, daß Sie die Welt besser sehen, als sie ist, wissen Sie auch, daß sie eigentlich schlechter ist, als Sie sie sehen, und mit diesem Wissen stehen Sie schon auf der anderen Seite der Weltanschauung und können fast für einen Pessimisten durchgehen. – Und jetzt dürfen Sie antworten.«

Aber Georg ist verdrießlich: »Daß ich kein Pessimist bin, weiß ich, trotz Ihrer philosophischen Purzelbäume, und ich verwahre mich entschieden dagegen.«

»Weshalb denn?« frage ich, »mir sind die Pessimisten sehr viel lieber als die frischfröhlichen ›Lebensbejaher‹, wie es jetzt modern aber etwas unklar heißt. Nur über eins habe ich manchmal nachgegrübelt und weiß es nicht: Ist es das traurige oder das tröstliche Moment im Leben der Pessimisten und Skeptiker, daß Sie zum Schluß immer recht behalten?«

Georg sieht mich einen Augenblick schweigend an, dann sagt er:

»Sie haben mir noch keine endgültige Antwort auf meine Bitte gegeben, und ich müßte dümmer sein als ich bin, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß all Ihr Philosophieren nur den Zweck hatte, mich davon abzulenken. Aber ich bestehe darauf, daß Sie –«

»Lieber Herr Wendringer,« sage ich ein wenig gedehnt und greife nach dem Zigarettenetui, das ich ihm langsam hinüberreiche, »wollen Sie nicht –.«

Georg ist rot geworden, er springt auf.

»Jawohl – zum Abschied, ich verstehe.«