»Dies Ding ist übrigens eines der ersten, die ich gemacht habe,« spricht er zu meinem Erstaunen weiter, sich mit einem schwermütigen Lächeln zu mir wendend. »Es stammt noch aus der Zeit, als ich ein junger Springinsfeld war und mir wer weiß was vom Leben versprach.«

Er spricht langsam und in einem sehr weichen Dialekt eigner Erfindung und erzählt nun, einmal in Gang gekommen, ausführlich von den Enttäuschungen des Künstlerlebens, den Intrigen der stümpernden Kollegen, der Parteilichkeit der Ausstellungsdirektoren und der Verlogenheit der Kunsthändler. – Ich höre schweigend zu, und während sein sanft sonores Organ mich weich umspült, gerate ich langsam in jenen fast hypnotischen Zustand, der mich jedesmal überkommt, wenn die Maniküre die Fingerspitzen meiner einen Hand sanft streichelt, während die der anderen im lauwarmen Seifenwasser ruhen.

»Ja,« schließt er jetzt sein Gespräch, »wenn man nicht als Künstler geboren wäre! Lieber hätte man in seiner Jugend Holzhacken lernen sollen, es wäre damit besser für das Alter gesorgt.«

Ich schüttle den hypnotischen Bann so gut es geht von mir und sage, noch ein wenig benommen: »Es ist gewiß sehr traurig, daß so viele Menschen die erste Hälfte ihres Lebens dazu benutzen, die zweite unglücklich zu machen.«

Vielleicht, daß dieser sonst gute Ausspruch nicht hierhin paßt, vielleicht auch, daß Vollmer die Abstecher ins Allgemeine nicht liebt, jedenfalls geht er mit einem leisen, etwas unbehaglichen Räuspern darüber hinweg, und ich setze schnell hinzu:

»Aber die Kämpfe, die Sie mir geschildert haben, sind ja kein Unglück zu nennen und sie bleiben wohl keinem erspart, der seine Persönlichkeit durchsetzen will.« – »Gewiß,« bestätigt Vollmer, »und je neuartiger und origineller die Persönlichkeit sich äußert, um so härter sind heutzutage die Kämpfe mit der Lauheit und der Bequemlichkeit des Publikums.«

»Man sagt das allgemein,« antworte ich und sehe mit Schrecken, daß wieder ein leises Unbehagen über seine etwas verschwommenen Züge geht, »aber ich finde, gerade das Gegenteil ist heute der Fall. Noch zu keiner Zeit lief eine neue und eigenartige Begabung so wenig Gefahr, übersehen oder verlacht zu werden, wie heutzutage. Wir verehren und lobhudeln ja alles Schrullenhafte, und je absurder sich ein Künstler in seinen Werken gebärdet, um so eifrigere Anhänger und Förderer wird er finden. Gefahr, übersehen zu werden, laufen eigentlich nur die Stillen im Land, die einfach schaffen, wie sie können und müssen, ohne sich um Richtungen und Moden zu kümmern, die unliterarischen, möchte ich sagen.«

»Die Langweiligen mit einem Wort,« lächelt Vollmer.

»Nun ja,« antworte ich lachend, »zur Gesellschaft sind mir auch die anderen lieber, die vielseitig Interessierten, die lebhaft Bewegten, die eigenartig Schillernden. Aber ich glaube bestimmt, die wirklichen Künstler kommen aus der anderen Sphäre, aus der Sphäre der Einseitigen und Schwerfälligen, die darum in Gesellschaft langweilig sind, weil sie in ihrer Seele zuviel Kunst haben und zuwenig Literatur.«

Vollmer schweigt ein paar Sekunden. »Ja, ja, die Seele,« bemerkt er dann sinnend, und mir fällt plötzlich wieder der Zweck meines Besuches ein.