»Daphne,« erklärt er, auf der Tischkante sitzend, mit weicher Stimme, »war die Tochter der Gäa, zu deutsch Erde, und des arkadischen Flußgottes Ladon. Andere behaupten zwar, daß Amyklas ihr Vater war und noch andere nennen Pennios, aber –« – »Lassen wir die Frage offen,« schlage ich vor, »Sie wissen La recherche de la paternité –« Er lächelt und fährt fort:

»Apollo liebte Daphne, aber er hatte einen Nebenbuhler an Leukippos, der ihr als Jungfrau verkleidet folgte und auf Apollos Veranlassung hin von den Nymphen getötet würde. Nun floh Daphne auch vor Apollo, sie wurde von ihrer Mutter aufgenommen und in einen immergrünen Lorbeerbaum verwandelt.«

Ich sitze ein paar Sekunden lang still, fasse mich aber allmählich und sage: »Also alles in allem ein Mädchen von Charakter. – Nun gestatten Sie mir aber bitte noch ein paar Fragen: Zuerst, in welchem Stadium ihres ereignisreichen Lebens wollen Sie Daphne malen? Zweitens, woran soll man mich als Daphne erkennen? Und drittens und letztens, warum überhaupt Daphne?«

»Ich sagte es ja schon,« antwortet Artur Vollmer, »die Sache wird ihre Schwierigkeiten haben. Aber die Idee wird mir lieb und lieber, je mehr ich darüber nachdenke. Es liegt eine tiefe Symbolik darin: Die Frau, die sich, vor dem Geliebten fliehend, in Lorbeer verwandelt. Man müßte natürlich diesen Moment festhalten, noch halb Weib, halb schon Baum –.«

Ich habe plötzlich das Gefühl, als ob ich schon halb zum Baum erstarrt wäre und mache heimlich ein paar schlenkernde Bewegungen mit den Beinen, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Dann stehe ich auf und sage:

»Ihre Idee ist wirklich sehr interessant und sogar geistreich wie alle Ihre Bilder. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich dazu entschließen kann, Ihnen als Daphne zu sitzen. Ich glaube, daß mein tiefstes Wesen in Ihrem Daphnebild nicht zum Ausdruck käme. Ich mache Ihnen daher einen anderen Vorschlag: Malen Sie mich ganz einfach hier im Sessel sitzend, möglichst bequem, das entspricht am besten einem Grundzug meines Wesens. Und machen Sie das Bild so ähnlich wie möglich, dann wird ganz gewiß auch etwas von meiner Seele in Ihre Farben fließen, denn ich bilde mir ein, daß meine Seele meinem Gesicht gar nicht so unähnlich ist. – Und wann wollen wir anfangen?«

Wir bestimmen die Zeit, und ich verabschiede mich von dem etwas frostig gewordenen Künstler, und dann sitze ich im Auto und überlege mir den Fall.

Und je mehr ich darüber nachdenke, über die ausgeklügelt geistreichen Bilder und über das unproportionierte Mädchen mit dem Strumpfband und über Frank Meinerts geschwollene Backe, um so deutlicher steigt ein schwarzer Verdacht in mir heraus, der sich nach und nach zur Gewißheit verdichtet.

Und ich nehme mir vor, morgen zu Karl Gerhard zu sagen: »Lieber Freund, Ihr Protegé ist ein interessanter junger Mann, wenigstens versteht er mit herzlich wenig Unkosten darauf zu posieren. Er hat eine einschmeichelnde Stimme und sehr gepflegte Hände. Er ist in der Mythologie erstaunlich gut bewandert und hat die eigenartigsten symbolischen Ideen. Er versteht, sehr nüanciert zu lächeln, und ich bin überzeugt, daß er auch sonst noch allerlei kann. Nur ein einziges kann er ganz bestimmt nicht, und das ist eigentlich sehr schade: er kann nicht malen.«

»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner
Todesqual –«