»Nun also,« antworte ich, »dann will ich Ihnen aus der leider übergroßen Fülle der Beispiele nur eines nennen: Waren Sie nicht vor kurzem noch ganz berauscht von den Versen Stefan Georges, den Sie nach Goethe den einzigen deutschen Dichter nannten? Und sprachen Sie nicht ein paar Tage darauf sehr abfällig von seiner hypermodernen Pathetik, die doch im Grunde genommen hohl sei, wenn man einen einzigen Mörikeschen Vers damit vergleicht? Und war nicht wieder ein paar Tage darauf Mörike spießbürgerlich und deutsch-borniert und veraltet, weil Sie gerade bei irgendeinem dekadenten französischen Absinthlyriker angelangt waren? – Und ist es nicht so auf jedem Gebiet? Die fanatische Ausschließlichkeit, mit der Sie jeden Tag eine andere Sache anbeten und jeden Tag mit der gleichen überzeugenden Ehrlichkeit, als gäbe es nur die eine auf der Welt, die macht mich müde und ungeduldig zugleich.«

Herbert schüttelt den Kopf. »Ich verstehe nicht, was Sie mir vorwerfen. Gefühl ist doch nichts, was ein für allemal feststeht, Empfindungen, selbst die wärmstem schwanken auf und ab. Und wären wir Menschen, wenn wir nicht Stimmungen unterworfen wären?«

»Ja,« nicke ich, »oft denke ich, Sie haben gar keine Empfindungen, sondern nur Stimmungen, oder besser gesagt: Anwandlungen, und Anwandlungen kommen nicht aus dem Gemüt, sondern aus den Nerven und der Phantasie.« – »Und was ist Gefühl denn anderes als Betätigung der Nerven und der Phantasie?« fragt Herbert lebhaft und schnell. »Können wir irgend etwas empfinden, Liebe, Haß, Mitleid, Begeisterung, Freude oder Schrecken, ohne daß unsere Nerven zucken und unsere Phantasie die Flügel hebt? Der phantasieloseste Mensch ist der gefühlloseste zugleich, und – so paradox es klingen mag – die Verstandsmenschen sind die dümmsten von allen.«

Ich nicke ihm langsam zu: »Es ist wahr, wir sind alle nur bauernschlau, solange es uns nicht gegeben ist, weise zu sein. Und auch das andere, was Sie sagten, ist wahr: Es gibt kein wertvolles Gefühl ohne Phantasie. Aber die Phantasie muß in unserem Gemüt ihren Ursprung haben, sonst ist der Mensch wie ein Ofen, der von außen erwärmt wird statt von innen, der heiß, vielleicht sogar überheizt erscheint, aber niemals Wärme abgibt und verströmt.«

»Ein sinnfälliger Vergleich!« sagt Herbert, und sein Mund verzieht sich spöttisch. »Ich gebe allerdings zu, daß ich wenig Talent zum traulich wärmenden Ofen habe, und offen gesagt, mein Ehrgeiz geht nicht dahin. – Ich gebe auch zu,« fährt er nach einem kurzen Schweigen fort, »daß ich leicht von diesem oder jenem Eindruck überwältigt werde und leicht alles andere darüber vergesse, aber ich schäme mich dessen nicht, im Gegenteil, ich bin froh und glücklich darüber, denn ich selbst liebe nur Menschen, die impulsiv und warm und stark empfindend sind.«

»Ach, lieber Freund,« sage ich, »heute! Heute lieben Sie die Impulsiven, vielleicht weil heute morgen oder gestern abend ein liebes Mädel in schöner Impulsivität Ihnen die Hand hingestreckt und etwas Herzliches gesagt hat. Und morgen lernen Sie eine interessante Frau kennen, die kühl und geheimnisvoll und verschlossen ist, und dann erzählen Sie mir, daß alles Impulsive doch eigentlich recht vulgär sei, und daß der wahre Reiz eines Menschen in seiner geheimnisvollen Verschlossenheit läge.«

»Ja,« antwortet Herbert, »und Sie erzählen mir dann, was ich Ihnen gestern erzählt habe, und werfen mir meine Treulosigkeit gegen das liebe Mädel vor. Aber der Reiz des Lebens liegt doch gerade darin, daß ich heute die Impulsiven lieben darf und morgen die Verschlossenen.«

»Ach, lassen wir's,« sage ich ein bißchen müde, »ich merke schon, wir reden aneinander vorbei und werden uns nicht verstehen.«

»Das ist weibliche Kriegstaktik,« antwortet Herbert, »sobald sie nichts zu antworten wissen, ziehen sie sich hinter die männliche Begriffsstutzigkeit zurück. Aber ich möchte jetzt meine Sache bis zu Ende verfechten und erbitte mir Antwort darauf, weshalb es ein, – nun sagen wir, ein verächtlicher Zug sein soll, jeder Art und Gattung Geschmack abgewinnen zu können.« – »Das ist's ja nicht,« sage ich seufzend, »und ich möchte Ihnen gerne noch einmal antworten, aber ich fürchte, die Anklagerede wird lang.«

»Wenn ich als Delinquent einen letzten Wunsch äußern darf,« sagt Herbert, »dann möchte ich mir noch ein Stück Kuchen erbitten.«