Wir werden uns später den Mufflonbock im Berliner Zoologischen Garten ansehen. Er gehört sicherlich zu den Vorfahren mancher unserer Hausschafrassen. Noch heute lebt er in den unzugänglichen Gebirgen von Sardinien und Korsika. Schon jetzt möchte ich vorgreifen und mitteilen, daß der Bock halbmondförmige, nach hinten gekrümmte Hörner, keinen Bart und ein fast fuchsrotes Fell besitzt. Die Ziege hat dagegen einen Bart, ein mehr graubräunliches Fell und mehr aufrecht stehende Hörner.
Da in Deutschland an verschiedenen Stellen Mufflons ausgesetzt sind, so sind wir jetzt über ihre Lebensweise ziemlich unterrichtet. Hiernach halten sich die Wildschafe, wie schon erwähnt wurde, hauptsächlich im Walde auf. Auch haben sie eine besondere Vorliebe dafür, enge Durchlässe zu durchkriechen.
Um durch enge, niedrige Lücken zu gelangen, müssen die Hörner gebogen sein. Ziegenböcke kriechen nicht durch solche Oeffnungen. Deshalb stehen ihre Hörner ziemlich senkrecht.
Beim Durchkriechen würde ein Bart sehr hinderlich sein. Ueberhaupt ist ein langer Haarwuchs im Walde von Uebel. Wir wissen, daß Absalon mit seinem mächtigen Haarwuchs an einem Baume hängen blieb und getötet wurde. Deshalb hat auch der Tiger, der im Walde lebt, keine Mähne, während sie der Löwe, der in der baumleeren Steppe haust, besitzt.
Zu dem Walde paßt die fuchsrötliche Färbung des Mufflons, da sie mit dem vermoderten Laub übereinstimmt. Eine solche Färbung haben auch Hirsch und Reh. Dagegen hat die Bezoarziege mehr die Färbung des bräunlichen Gesteins.
An dem vor uns stehenden Schaf beobachten wir, daß es Tränendrüsen hat. Warum fehlen sie der Ziege?
Die Tränendrüsen werden an Baumstämmen gerieben. Da das Schaf eine feine Nase, aber ein schwaches Gesicht hat, so merken Schafe, die einen fremden Wald betreten, sofort, daß andere Schafe in ihm weiden. Sie riechen nämlich die an den Baumstämmen abgewischten Ausscheidungen der Tränendrüsen.
Die Ziege lebt in baumloser Gegend. Für sie sind also Tränendrüsen ganz zwecklos. Außerdem sind bei ihr die Augen besser entwickelt, wofür ihre Nase nicht so fein ist, wie die des Schafes. Beim Springen von Klippe zu Klippe sind für sie gute Augen von großem Vorteil. Die Ziege gleicht also in diesem Punkte dem Windhund, der ebenfalls ein ziemlich scharfes Gesicht, dafür aber auch eine weniger gute Nase hat.
[121]. Warum folgen die Schafe dem Leithammel?
Als ein Beweis ihrer furchtbaren Dummheit ist es stets angesehen worden, daß die Schafe blindlings ihrem Leithammel folgen. Stürzt er vor Schrecken aus dem Schiff, in dem er sich mit der Herde befindet, über Bord, so finden alle übrigen ebenfalls den Tod in den Wellen.