[154]. Das Hochzeitskleid des männlichen Truthuhns.
Der große Mangel an Körnerfutter bringt es mit sich, daß man in unseren Zeiten Ziergeflügel wie Pfauen, Perlhühner und Fasanen jetzt kaum noch auf einem größeren Hofe erblickt. Selbst Truthühner oder Puten, die doch mehr zu dem Nutzgeflügel als zu dem Ziergeflügel gehören, sind in den mir bekannten Kreisen gänzlich abgeschafft worden. Es ist ein großes Glück für uns, daß wir auch in diesem Falle unsern berühmten Zoologischen Garten als Helfer in der Not benützen können. Hier sehen wir ganz dicht vereinigt Pfauen, Perlhühner und Fasanen. Nur wenige Schritte davon entfernt befinden sich Puter und Puten.
Wir haben das Glück, das Männchen noch im Schmuck seines Hochzeitskleides zu sehen. Es ist Mai, und noch hat der Truthahn die merkwürdigen Anschwellungen an Kopf und Hals. Ebenso schlägt er selbstbewußt sein Rad. Die Weibchen oder Hennen sehen dagegen nicht nur kleiner, sondern auch unscheinbarer aus.
Wir müssen annehmen, daß den Weibchen der Hochzeitsschmuck der Männchen gefällt. Man muß ohne Frage sehr vorsichtig damit sein, menschliche Regungen ohne weiteres auf die Tiere zu übertragen. Aber das Hochzeitskleid der Männchen, das von ihnen mit einer unverkennbaren Absicht während der Liebeszeit zur Schau getragen wird, das aber später wieder verschwindet, dürfte doch einen gewissen Zweck haben. Sonst triebe die Natur in zahllosen Fällen eine Verschwendung, während wir sie sonst als sehr sparsame Wirtschafterin kennen lernen.
Gerade das Ausbreiten des Hochzeitsgefieders vor den Weibchen wäre vollkommen sinnlos, wenn es nicht eine Wirkung auf sie ausüben sollte. Deshalb muß man sehr vorsichtig sein gegenüber den Behauptungen, daß manche Farben des Hochzeitsschmucks wegen Farbenblindheit nicht wahrgenommen werden könnten.
[155]. Worauf ist die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe zurückzuführen? – Die Herkunft der Truthühner.
Die Tiere im Zoologischen Garten sollen eigentlich nicht gereizt werden. Aber wenn es sich um Lehrzwecke handelt, ist man nicht verpflichtet, verbietend einzugreifen. Ein kleines Mädchen ist mit einem ziemlich großen Spiegel zu dem Truthahn gegangen und hält ihm den Spiegel vor. Seine Erregung steigert sich gewaltig, und er kollert, daß es nur so eine Art hat. Erst als das Mädchen sich mit dem Spiegel entfernt, läßt seine Wut allmählich nach.
Zwei Gründe können diese Erregung verursacht haben. Entweder sah er in dem Spiegel einen andern Truthahn und wollte ihn bekämpfen; denn gerade unter den Truthähnen finden heftige Kämpfe auf Tod und Leben statt. Näheres werden wir über diesen Punkt bei dem Kanarienvogel und seinem Spiegelbild sprechen. Oder der Truthahn sah die rote Farbe, die ihn, wie bekannt ist, in Raserei versetzen kann.
Schon bei der Abneigung des Stieres gegen die rote Farbe ist darauf hingewiesen worden, daß es sich wahrscheinlich um eine vererbte Erinnerung aus früheren Zeiten handelt. Ein rötliches Tier – wahrscheinlich der Tiger – war der Hauptfeind der Wildrinder. Vom Truthahn wissen wir nach den übereinstimmenden Angaben der Naturforscher mit Bestimmtheit, daß der Luchs mit seinem rötlichen Felle sein schlimmster Feind ist. Hierzu paßt vortrefflich folgende Beobachtung einer ausgezeichneten Vogelkennerin. Sie hält sich ein Braunkehlchen und erzählt von ihm, daß seine Abneigung gegen alles Rote ganz auffallend war. Wenn man weiß, daß das Braunkehlchen sein Nest auf sumpfigem Boden hat, so ist es klar, daß unser Wiesel mit seinem rötlichen Fell sein ärgster Feind sein muß.