In unserem Zoologischen Garten, der uns so oft ein Helfer in der Not gewesen ist, können wir uns auch die Stammeltern unserer Hausgans, die Graugänse, ansehen. Sie tummeln sich auf dem sogenannten Vierwaldstätter See. Allerdings ist bei oberflächlicher Betrachtung nicht viel an ihnen zu sehen. Sie sehen eben wie graue Gänse, die auf einem Gewässer schwimmen, aus. Aber wer die außerordentliche Vorsicht der Graugänse kennt, der ist schon sehr erfreut darüber, daß er sie so in der Nähe zu Gesicht bekommt. Ich habe jahrelang Jagdreviere gekannt, wo es sehr viel Wildgänse gab. Aber nur einmal habe ich eine Graugans in der Nähe zu sehen bekommen. Es war eine Nachzüglerin, die es sehr eilig hatte und sehr niedrig flog. In der Eile hatte sie uns Jäger, die wir im Graben lagen, übersehen.
Jung eingefangene Graugänse werden verhältnismäßig leicht zahm. So sind sie, wie schon erwähnt wurde, die Stammeltern unserer Hausgänse geworden.
Berühmt ist die Geschichte, daß Gänse das Kapitol von Rom und dadurch die Stadt selbst durch ihre Wachsamkeit gerettet haben. Die Feinde, die Gallier, hatten damals vor mehr als zweitausend Jahren, einen nächtlichen Ueberfall geplant. Die Hunde schliefen, aber die Gänse merkten, daß unerbetener Besuch sich nahte, und erhoben ein Geschrei. Hiervon wurde die Besatzung wach, der es gelang, die anstürmenden Feinde in die Tiefe zu stürzen.
Alljährlich wurde diese Rettung der Stadt durch ein Fest gefeiert. Neben einer triumphierenden Gans lag ein getöteter Hund.
An der Wahrheit des Berichts ist nicht gut zu zweifeln, und der Tierkenner wird der letzte sein, der ihn bezweifelt. Die Wachsamkeit ist ohne Frage ein Erbteil ihrer Stammeltern.
Unsere Wildgans ist im Gegensatz zu manchen ausländischen Gänsen infolge ihrer Schwimmfüße außerstande, auf Bäumen zu schlafen, wie es die andern Vögel tun. Sie lebt deshalb in unzugänglichen Brüchen und schwer zugänglichen bewachsenen Inseln. Es ist nun selbstverständlich für den Menschen recht schwer, sich zur Nachtzeit solchen Schlafstätten zu nähern. Aber Wildkatzen, Füchse und Wölfe, namentlich aber Hermeline, Iltisse und Fischottern, die sämtlich nächtliche Räuber sind, können den schlafenden Gänsen doch sehr gefährlich werden. Deshalb scheint immer eine von den Wildgänsen Wache zu halten. Auch deutet ihre Vorliebe für Schlafplätze im Schilf darauf hin, daß sich die Annäherung des Räubers durch Betreten der überall liegenden trockenen Rohrstücke verraten soll. Diese Benutzung von Natur-Alarmapparaten finden wir bei Pflanzenfressern nicht selten, so bei Hirschen, Rehen usw. Sie haben ihr Lager am liebsten an Oertlichkeiten, wo sich der Jäger nicht nähern kann, ohne durch das Betreten des Laubes und der überall vorhandenen Zweigstücke Geräusche zu erzeugen.
Die Hausgans ist also von Hause aus durchaus für die Wachsamkeit zur Nachtzeit geschaffen, deshalb ist die von ihr gemeldete Geschichte vollkommen glaubhaft.
[177]. Wie steht es mit den geistigen Fähigkeiten der Gans?
Die Bezeichnung »dumme Gans« ist bei uns sehr geläufig. Und betrachtet man Hausgänse, die auf einem Anger weiden, was wir in jedem Dorfe anstellen können, so machen die Tiere ohne Zweifel nicht den Eindruck, als ob sie über einen großen Geist verfügen.
Das eintönige Geschnatter, das sie hören lassen, erscheint zunächst sehr überflüssig. Wir wissen aber von dem Grunzen der Schweine und dem Blöken der Schafe, daß solche den Zusammenhang der Gesellschaft wahrenden Töne für Tiere, die im Röhricht leben, sehr wichtig sind. Sodann sehen die Gänse mit ihrem watschelnden Gang auf dem Erdboden sehr unbeholfen aus. Aber ist das irgendwie wunderbar? Wir Menschen haben sie doch aus ihrer Heimat zwischen Rohr und Binsen genommen und auf den festen Erdboden gebracht, wohin sie ihrer Natur nach nicht gehören. Ihre Furchtsamkeit, die sie bekunden, ist auch nicht weiter merkwürdig. Denn wie unsern Hausschafen das Gebirge, so fehlt ihnen und den Enten das Wasser zu ihrer Rettung. Nur der Gänserich bekundet Mut gegen Kinder. Er geht auf sie mit Zischen los. Uebrigens haben sie gelegentlich schon durch Schnabelhiebe ganz kleinen Kindern gefährliche Verletzungen beigebracht.