Wir Kulturmenschen sind so daran gewöhnt, im Spiegel unser Bild zu erblicken, daß wir das Spiegelbild für die selbstverständlichste Sache der Welt ansehen. Und doch kann von einer solchen Selbstverständlichkeit gar keine Rede sein. Wir wissen, daß Naturvölker, die sich zum ersten Male im Spiegel betrachten, gar nicht wissen, daß es ihre eigene Person ist, die der Spiegel wiedergibt. Woher soll denn der Wilde eigentlich wissen, wie er aussieht? Wenn der Mensch so etwas nicht sofort feststellen kann, so ist es beim Tier erst recht nicht der Fall.
Nasentiere, also Hunde und Pferde, bleiben, wie wir wissen, im allgemeinen kalt gegen den Spiegel. Denn die Spiegelung sagt der treuen Nase nichts. Dagegen übt der Spiegel auf Augentiere, also außer uns Menschen, auf Affen und Vögel eine starke Wirkung aus.
Um die Erregung von Hänschen zu verstehen, müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen. Hänschen ist ein Hahn, und alle Hähne sind gewöhnlich sehr eifersüchtig auf einander. Vom Haushahn ist es ja allgemein bekannt, daß er sofort mit einem andern Hahn Streit beginnt. Hänschen glaubt also, als er im Spiegel einen andern Kanarienhahn erblickt, einen Nebenbuhler vor sich zu haben. Er ist sofort bereit, mit ihm einen Kampf auszufechten. Sich selbst hat er nicht erkannt. Denn in diesem Falle wäre die Kampfbereitschaft vollkommen unverständlich.
[185]. Warum singen nur die Männchen bei den Singvögeln?
Nachdem der Spiegel, der Hänschen so beunruhigt hatte, von seinem Herrn fortgebracht worden ist, erfreut uns der Vogel durch seinen herrlichen Gesang. Die Frage ist sehr naheliegend, weshalb nur die Männchen singen. Denn einen weiblichen Kanarienvogel kauft man nur zu Zuchtzwecken. Außerhalb der Zuchtzeit, die vom Februar bis zu der im August eintretenden Mauser dauert, sind die Weibchen verglichen mit den Männchen spottbillig.
Bedenkt man, daß jedes Männchen im Frühjahr ein Weibchen finden möchte, mit dem es zusammen ein Heim gründen kann, so wird es klar, daß der Gesang der männlichen Singvögel ein vorzügliches Mittel dazu ist, den Weibchen anzukündigen, wo sie einen Gatten antreffen können. Die Augen der Vögel sind bekanntlich ausgezeichnet. Deshalb braucht ein Adlermännchen, das auf einem steilen Felsen sitzt, nicht zu singen. Denn ein Adlerweibchen kann es auf viele Kilometer deutlich erkennen.
Aber wie ist es mit den kleinen Singvogelmännchen, die im dichten Laub verborgen sitzen? Wie schwer ist es nicht, wenn wir den Ruf oder Gesang eines Vogels hören, den Urheber im Gewirr des Laubes und der Aeste zu erblicken. Ich habe Bauern kennen gelernt, die mir erklärten, noch niemals in ihrem Leben einen Pirol oder Kuckuck gesehen zu haben. Das war in einer Gegend, wo im Sommer beide Vögel von früh bis spät ihre Rufe erschallen ließen.
Wie sollte in der Dunkelheit ein Nachtigallenweibchen wissen, daß ein Männchen im Gebüsch weilt, selbst wenn seine Augen scharf und für die Dunkelheit angepaßt sind? Wie anders liegt die Sache, und wie erleichtert ist das Finden, wo jetzt das Männchen zur Frühjahrszeit in der Nacht seine sehnsuchtsvollen Töne in die Welt hinausflötet?
Gerade unter den Gebüschvögeln und den versteckt lebenden Vögeln pflegen die trefflichsten Sänger zu sein. Außer der schon erwähnten Nachtigall und dem Pirol sei nur an den Sprosser, die Grasmückenarten, die Laubvögelarten, den Gartenlaubsänger und andere erinnert.
Das Männchen hat also bei den Singvögeln deshalb die Gabe des Gesanges, weil es die Weibchen dadurch auf sich aufmerksam machen will. Da die Natur überall mit Aufwendung der geringsten Mittel arbeitet, so hat sie dem Weibchen die Gesangesgabe nicht verliehen. Denn es wäre ganz zwecklos, wenn beide Teile auf ihrem Platze blieben und das andere Geschlecht auf sich aufmerksam machen wollten.