Da mit einem Male – war es gekränkte Eitelkeit, die es bewirkt, war es nur ein Stimmungsumschlag – sprach die junge Frau mit dem gelblichen, rassigen Gesicht in völlig geläufigem Französisch zu uns, stellte uns ihre Mitbewohnerin als ihre Schwägerin vor und lud uns ein, neben ihr auf dem Teppich Platz zu nehmen. Nun, nachdem das Eis gebrochen war, erzählte sie uns von sich und ihrem Leben.

Ihr Geburtsort lag in der Nähe von Biskra, wo ihr Vater eine Stellung bei der französischen Regierung bekleidete. Sie hatte jahrelang die französische Schule besucht und hegte eine große Vorliebe für alles, was französisch war. Am liebsten hätte sie auch nach europäischer Sitte geheiratet. Aber da kam eines Tages der reiche arabische Freiersmann, und der Vater bestimmte, daß sie ihn nehmen mußte. Man hört häufig, daß es den arabischen Mädchen, die ihren Bräutigam in der Hochzeitsnacht zum ersten Male sehen, ziemlich gleich sei, wen sie heiraten. Ein Mann sei ein Mann. In diesem Falle traf dies sicher nicht zu. Dieses junge Geschöpf empfand es deutlich, daß sie ein Opfer ihrer Erziehung und der Sitten des Landes geworden war, die einem Mädchen nicht erlauben, den Gatten selbst zu wählen. Für alles, was man sie einst gelehrt, hatte sie nun keine Verwendung mehr. Sie war sich völlig klar über das Unwürdige in der Stellung eines arabischen Weibes, das absolut nichts weiter ist als der Spielball für die leidenschaftlichen Sinne des Mannes. Sie litt unter dem Eingepferchtsein und der Abgeschlossenheit von allem, was Leben heißt, sie verabscheute ihr arabisches Kostüm, an dem sie verächtlich zupfte, und suchte selbst zu vergessen, daß sie der französischen Sprache mächtig war, da mit dieser Sprache immer die Erinnerung an das zurückkam, was einst gewesen war. Nun hatten wir die Erklärung für ihre stumme Unliebenswürdigkeit.

Während sie uns dies erzählte, kurz, abgehackt, beinahe wie gegen ihren eigenen Willen, beschäftigte sich ihre Verwandte, die kein Wort von der Unterhaltung verstand, damit, unsere Garderobe von Kopf bis Fuß zu untersuchen. Bis zu den intimsten Kleidungsstücken drang sie vor, und bald erstaunt, bald höchlich amüsiert, plapperte sie darüber zu der ernsten Schwägerin. In dem verführerischen Köpfchen dieses geschmeidigen Wesens steckten keine schweren Gedanken. Sie war wohl ein Muster des Alltagstyps, zufrieden mit sich und den Dingen, wie sie nun einmal waren.

Das kleine, nackte Bübchen, das unser größtes Erstaunen erregte, denn es hatte blaue Augen und rotblonde Löckchen, hatte sich die ganze Zeit über völlig ruhig verhalten und mit großen, erstaunten Blicken die Fremdlinge betrachtet. Aber nun wurde es ihm wohl doch zu langweilig. Laut schreiend rutschte es auf die Mutter zu, die Frau mit den düsteren, unzufriedenen Augen, zerrte an deren Gewand und suchte wie ein Tierchen nach der Brust. Diese Brust, die so schlaff und welk und verbraucht aussah, als ob sie einem bejahrten, von Not und Hunger ausgemergelten Weibe gehörte. Entsetzen und Mitleid erfaßten uns. Denn hier sahen wir die Folgen dieser allzufrühen Heiraten. Die Folgen von Ehen, in denen der zarte, noch fast kindliche Körper des Mädchens in den seltensten Fällen schon den Ansprüchen gewachsen ist, die Frauen- und Mutterpflichten an ihn stellen.

Alt-Biskra

In einer Art gedecktem Alkoven, in dem ein Kochtopf über einem Feuer brodelte und in der flachen Kuskusschüssel ein paar bunte Wäschestücke eingeweicht lagen, hantierte eine alte Frau. Hin und wieder streckte sie den Kopf aus ihrer Ecke und betrachtete uns mit neugierigen Augen. Nach einer Weile kam sie hervor und hockte sich ein Stückchen von uns entfernt auf den Boden nieder. Ganz scheu und vorsichtig, als ob sie nicht bemerkt sein wollte. Wir dachten, es wäre eine Angestellte, erfuhren dann aber zu unserem Erstaunen, daß es die Schwiegermutter sei. Ein Weib, das etwa fünfunddreißig Jahre zählte – die Menschen wissen hier ihr Alter nur immer so ungefähr –, jedoch wie eine schlechterhaltene Sechzigjährige aussah. Sie wohnte im Hause und verrichtete alle Arbeit, während die jungen Frauen ihrer Söhne den Tag verschliefen, verträumten oder verplauderten.

»Was wollen Sie,« sagte mit einer wegwerfenden Handbewegung die Frau mit dem gelblichen, rassigen Gesichte, »sie ist zu sonst nichts mehr nütze. Das geht uns allen später so.«

Auf unsere Frage wurde uns auch gestattet, die Schlafstuben zu besichtigen. Es waren völlig kahle, fensterlose Räume, die Luft und Licht nur durch die auf den inneren Hof mündende Türe erhielten. Aber der Hausherr dokumentierte, daß er ein reicher Mann war, indem er sich eine große französische Bettstelle angeschafft hatte, während die Araber sonst meist auf dem mit Matten belegten Boden schlafen. Keine der Frauen hatte sich erhoben, um uns zu führen. Nur durch eine Kopfbewegung war uns angedeutet worden, wo die Zimmer lagen. Und als wir uns nun verabschiedeten, lächelte uns die Jüngere, Goldbraune, freundlich zu, die Alte tat, als ob sie uns nicht sähe, und die Frau mit dem bleichen, rassigen Gesicht hatte bereits wieder ihre unnahbare Miene aufgesetzt und sah ganz so aus, als ob sie bedauerte, überhaupt mit uns gesprochen zu haben.

Wir hatten Jussufs Geduld auf eine lange Probe gestellt, denn die Sonne stand bereits im Mittag, als wir durch die niedrige Tür wieder hinaus in die menschenleere Gasse schlüpften.