Und doch zog es mich nicht wieder dahin. Denn obwohl das Schild mit den ominösen Worten »il est défendu« nirgendwo zu sehen war, empfand ich doch den Zwang, der dem Besucher dieses Ortes unwillkürlich aufgelegt wird. Nein, bin ich schon den Fesseln des Alltags entronnen, so gebt mir in Biskra die große weite Wüste, die dem Menschen nach allen Richtungen so frei und offen steht wie den Winden des Himmels.


Und hätte Biskra nichts als seine Sonnenuntergänge, es wäre des Besuches wert. Nie und nirgends sah ich das Tagesgestirn in solcher Schönheit Abschied nehmen wie in dieser Oase am Eingange zur Sahara. Langsam versinkt der rotglühende Ball hinter den scharfen Zacken des Zibangebirges. Der ganze westliche Himmel entzündet sich und gleicht einem wogenden Feuermeer. Anscheinend dicht darunter auf den Hängen des Zibans entwickelt sich eine wundervolle Symphonie in Braun. Die harten Furchen schimmern weich wie Falten eines samtenen Gewandes. Die hohen Dünen gen Oumach hin gleichen einem seidenen Teppich aus Fraise und Gold gewebt. Im Osten nehmen die Berge allmählich ganz unwahrscheinliche Töne an. Blaßrosa und tief erikafarben leuchten die einen. Ein anderer hat sich in zartgelbe Schleier gehüllt, auf denen bläulichgraue Schatten ruhen, und wieder ein anderer liegt da wie ein ungeheurer Amethyst. Dazwischen erhebt sich in mattem Rubinrot, duftig, als leuchte er von innen heraus, der Ahmar-Khaddou.[9]

Der Himmel prangt in einem Farbengemisch so fein, so delikat, wie man sich's nie erdenken könnte, und ein Abglanz davon schwebt in der Luft und senkt sich, alles verklärend, auf die armselige, demütig sich breitende Erde. Die weißgrauen Kieselsteine des sonst so tristen Flußbettes gleißen wie flüssiges Silber, und die hohen Lehmufer scheinen sich in mattes Gold verwandelt zu haben. Alles glüht und glänzt und leuchtet.

Brotverkäufer in Biskra

Etwa eine halbe Stunde dauert dieses grandiose Schauspiel, dieses berauschende Farbenbacchanal. Dann verlöschen langsam die Gluten. Die letzten Strahlen ruhen auf der weißen Kuppel des berühmten Marabuts Sidi-Zerzour, der sich mitten im ausgetrockneten Bett des Oued Biskra erhebt. Die Berge stehen wieder entzaubert, die Oasen liegen wie schwarze traurige Inseln im fahlen Sandmeer.

Die Terrassen beleben sich inzwischen mit vermummten Frauengestalten. Die ganze Luft ist mit Tierstimmen erfüllt. In den dichten Kronen der Palmen und der Pfefferbäume lärmen die Spatzen, die heimkehrenden Ziegen meckern, die Hammel blöken, die abgetriebenen Eselchen schreien zum Erbarmen, und aus den großen Karawansereien dringt das unartikulierte, jammervolle Stöhnen der Kamele.

Rasch sinkt die Dunkelheit herab, und allmählich tritt Ruhe ein. Aber einige Stunden später, wenn der europäische Teil der Oase schon im Schlafe liegt, beginnt allabendlich ein neues Leben in dem Araberviertel.

Hinter dem Marktplatz ziehen sich ein paar kerzengerade enge Gassen hin. »Heilige Straßen« werden sie genannt. Ein kleines Häuschen lehnt sich dort an das andere, jedes mit einem winzigen durchbrochenen Balkon geschmückt. Und bewohnt sind diese Häuschen von den Ouled Naïls, den Freudenspenderinnen. Während des Tages sind diese Straßen leer und schweigsam, aber sowie die Nacht herabgesunken ist, erwachen sie. Jeder der winzigen Balkone wird nun mit bunten Teppichen behangen und mit einer kleinen Laterne beleuchtet. Und auf der Schwelle jedes Hauses sitzt eine Ouled Naïl. Über weißen Unterkleidern trägt sie die bunte seidene Gandura, mit schwerem Gürtel gehalten. Das tiefschwarze Haar ist durch Wolle verstärkt und zu handbreiten Zöpfen geflochten, die in einer wunderlichen Frisur das stark geschminkte Gesicht umrahmen. Auf Stirn und Wangen sind mit dunkelblauer Farbe kleine Blümchen und Kreuzchen gemalt, wodurch die gelbliche Blässe oder das matte Braun der Haut noch mehr hervorgehoben wird. Auf dem Kopfe sitzt die kleine charakteristische Krone aus Straußenfedern, von der lange, weiße, mit Gold oder Silber bestickte Schleier herabwallen. Schwere silberne Spangen umschließen Arm- und Fußgelenke. Ketten aus großen goldenen Geldstücken schmücken das Haupt, den Hals und die Brust. Es sind alles Geschenke, die sie empfangen, und sie bilden den Stolz einer jeden Ouled Naïl.