Aber, merkwürdig genug, das Fuhrwesen hat wiederum der Römer nicht selbst ausgebildet. Das Schiffahrtswesen nahm er von den Griechen, die Straßenbautechnik von den Puniern und Griechen, das Fuhrwesen von den gallischen Barbaren. Der Römer hat zur Bezeichnung des Wagens selbst nur wenige Worte zur Verfügung. Die Gallier saßen in der norditalienischen Ebene um Mailand, und von ihnen übernahm man die verschiedensten und brauchbarsten Wagenformen, vor allem den Reisewagen (raeda) und das Kabriolett (cisium). Sogar in Smyrna, in Kleinasien, fuhr man damit[81]. Auch die gallischen Maultiere (mulae Gallicae) hatten als Bespannung den Vorzug[82]. Im Jahre 222 v. Chr. wurde Nord-Italien endgültig römischer Besitz; aber das gallische Fuhr- und Spediteurwesen bleibt dort seßhaft noch in Caesars Zeiten. Damals verhöhnte Vergil den Spediteur Sabinus in Cremona. Vor allem aber ist jener Ventidius Bassus berühmt, der das ganze Transportwesen für Caesars große Kriege in der Hand hatte: ein Emporkömmling bäurischer Herkunft aus der Gegend zwischen Venedig und Ancona, der sich schon als junger Kerl betriebsam auf den Dörfern Maultiere und Wagen zusammengekauft hatte. Bald wurde sein Speditionsgeschäft bekannt; die römischen Herren mieteten seine Wagen, und so kam er schließlich auch zu Caesar in Beziehung. Da ging der Betrieb gleich ins Kolossale; Ventidius wurde der größte Kutscher der Weltgeschichte; er wurde kraft seiner Leistungen sogar Senator, Konsul, wenn schon er wohl immer noch nach dem Stalle roch. Man begreift das Entsetzen der gebildeten Welt.
Herbei, ihr Vogel- und Eingeweideschauer Roms:
hier ist ein neu Mirakel, wie ihr noch keins geschaut.
Der Maultierstriegler von Beruf ist Konsul jetzt!
Diese Verse las man damals an den Straßenmauern Roms[83].
Die berühmten römischen Fahrstraßen hießen „viae“, und „viae“ kommt von „vehere“, „fahren“, her. Wegen des Fahrens die feste Dämmung. Kein Wagen konnte da einsinken. Gleichwohl sind sie Militärstraßen gewesen und im Dienst des Krieges entstanden; aber die Truppen wurden natürlich nie per Achse befördert[84]. Sie marschierten nur, und auf dem harten Basaltpflaster der Militärstraßen marschierte es sich gewiß nicht gut. Sogar die Offiziere, sogar die Höchstkommandierenden hielten oft mit Schritt. Sie fuhren nicht, aber sie ritten auch nicht. So, zu Fuß, ist Marius von Rom aus gegen die Teutonen ausgezogen, hat Caesar z. T. Frankreich durchmessen. Es war ein Ruhm des Feldherrn, wenn er dasselbe leistete wie der geringste Mann. Nicht anders Trajan in Dacien[85]. Mark Aurel war freilich dazu zu schwächlich, als er durch Siebenbürgen bis nach Böhmen vordrang; daher sein Reiterstandbild. Er mußte reiten. Nicht also für die Truppen selbst, sondern vielmehr für den Wagentroß, der dem Heere folgte, waren jene Militärstraßen chaussiert. Ließen die Soldaten den Train hinter sich, so hießen sie expediti, „die da fußfrei einhergehen“; so konnten sie wesentlich rascher und auch auf schlechten Wegen vorankommen; und davon hat die „Expedition“ ihren Namen, die ursprünglich die kurzfristige Unternehmung ohne hemmenden Troß bedeutet hat[86]. Gleichwohl war ein Feldzug ohne Train (commeatus), ohne Beigabe von Proviantmassen, von Gerät und Geschützen, wie ein Flug ohne Flügel, wie eine Lokomotive, die kein Wasser hat. Wir wissen das auch heute.
Nun aber der Kaufmann! Auch er strebt hinaus über die Landesgrenzen. Wer aber wird glauben, daß die Kaufmannswelt sich an jene Musterstraßen gebunden fühlte? daß sie nicht schon vor ihrem Vorhandensein weit ausgriff und rege war? Nicht der Krieg erschließt die Welt; der Handel schafft sich selber Wege, auch unter Menschenfressern und Kannibalen, und ob er über den schwindelnden Saumpfad klettern, durch endlose Wälder und grundlose Sümpfe sich drängen muß, ob er mit der Wüstenkarawane der Fata Morgana nachrennt und von Stürmen über fremde Meere sich tragen läßt. Ostindien, Westindien, das Goldland am Niger, die Bernsteinküste der Ostsee, der Kaufmann war es, der sie entdeckte. Um neue Absatzgebiete, um neue Produkte für die Einfuhr zu entdecken und in seine Hand zu bekommen, stürzt er sich in alle Gefahren. Italiens Hauptexportartikel war sein wundervoller Wein, der in mannigfaltigsten Sorten und in Fülle gedieh. Viele Marken waren schwer berauschend, und der Barbar kaufte sie mit Gier, wie der Chinese das Opium. So kam der Wein Italiens schon früh zu den Galliern, Spaniern und Germanen. Schwer belastet trugen die Flußschiffe die gefüllten Fässer die Rhone und Saône hinauf und den Rhein hinab, und wo Flüsse fehlten, kamen die Lastkarren mit kreischendem Rad. An allen Küstenplätzen, Cartagena, Toulouse, ja auch im Inneren der eroberten Gebiete setzten sich die römischen Händler fest, bildeten Gesellschaften und vertrieben als solche die Landesprodukte, verarbeiteten, verluden sie und schafften sie nach Rom, dem großen Konsumenten und Magen, der alles verschlang. Freilich betrieben das die römischen Herren zumeist nicht in Person, sondern durch ihre Freigelassenen, denen ihr Kapital und Kredit zur Verfügung stand und die hernach selbst unter die reichen Bürger mit aufrückten.
Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen.
Aber nicht nur in den Nordländern: in dicken Massen, wie Schmeißfliegen auf der Wunde, saßen die römischen Händler und Wucherer im unterjochten Kleinasien. Man staunt, zu hören, daß der letzte große Rächer des Griechentums, Mithridates, dort an einem Tag bis zu hunderttausend Römer aufgreifen und töten ließ, indem er die Wut der Griechen auf sie hetzte. Karthago, Korinth mußten fallen, Rhodus, Athen, auch Marseille völlig geschwächt werden, damit der „mercator“ Roms alles in seine Hand bekam, und er warf nun aus allen fruchtbaren Gegenden das Getreide nach Rom, lieferte indische Gewürze und Edelsteine, Bauholz vom Schwarzen Meer, feines Holz für die Möbelschreiner aus Marokko, Sklavenmassen aus Syrien und was sonst die Welt hergab, vom gallischen Schinken bis zu den erhabenen griechischen Götterfiguren, mit denen man Promenade und Park verzierte. Silbergruben, Bleigruben erwarben sich die Konsortien in den Provinzen, produzierten selbst Fischbrühe in Spanien für den Massenversand, der in mächtigen Krügen mit der Aufschrift „Fischbrühe der Kompagnie“ (garum sociorum) geschah, ernteten das Pfriemengras (spartum), das in Spanien wild wuchs und aus dem man Matten und Seile machte, brachten gar die altägyptischen Papyrusfabriken in ihre Hände usf. Der Import in Italien übertraf den Export wohl vielhundertfach; aber Rom hatte Geld und konnte alles zahlen. Das Großkapital saß in Rom und nährte sich und schwoll durch ungeheuren Zinswucher. Es sollte freilich die Zeit kommen, wo die römische Kultur in den Provinzen das Mutterland Italien gewaltig überholte. Da versank Italien und Rom endlich in zunehmende Verarmung. Es war wie Rache und Vergeltung.
Wie nun dieser Warenaustausch durch den Bau der römischen Heerstraßen, der sich in die fernsten Fernen erstreckte, befördert worden ist, begreift sich leicht. Unaufhaltsam Menschen suchend, dringt die Straße von Siedelung zu Siedelung und bietet ihre Gaben an, sättigt überall tausend alte Bedürfnisse und erweckt tausend neue, wie heute die Eisenbahn, und knüpft so die Völker zur Menschheit zusammen. Bequemer freilich und billiger war damals wie heute der Wassertransport, und das Mittelmeer stand allen offen und trug gutwillig alle Lasten, wofern nur ein günstiger Wind die Segel schwellte. Das Mittelmeer war die Hauptverkehrsstraße der alten Welt.