Die ihr mit mir gereist. Auf andren Wegen
Zieht ihr, als ich, dem Heimatland entgegen.
Da haben wir den Fuß, der ausgreift! Vergessen wir nicht, daß ja auch, wie wir sahen, die höchsten Heerführer ihren Legionen oft zu Fuß voranschritten. Wer es eilig hat, von dem sagt Catull: er verschluckt seinen Weg vor Gier[96]. Und was bedeutete die Meile für den Römer? Sie war nichts als ein Schrittmaß und bedeutete 1000 Doppelschritte des Marschierenden, die also nicht in Luftlinie, sondern nur am Lauf der Straße abgemessen werden (man rechnete nach milia passuum); die Meilenpfeiler gaben dem Fußgänger von Stelle zu Stelle an, wieviel Schritte er hinter sich, wie viele er vor sich hatte. Die Straße war Wanderstraße.
Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. Gasthöfe.
So belebt sich uns die Landstraße mehr und mehr mit den mannigfaltigsten Gestalten. Denn wir erinnern uns nunmehr auch der ambulanten oder wandernden Berufsarten. Die Sendboten des Christentums tauchen vor uns auf, und ihr Fuß trägt sie dahin von Land zu Land, zu allen Völkern. Aber nicht nur sie. Weil es in unzähligen Landstädten Theater oder Amphitheater gab, ziehen nun auch die Schauspielerbanden, ziehen die Mimen, die Jongleure von Ort zu Ort; ebenso auch die Gladiatoren, die zu je hundert oder mehr vermietet werden und auf Bestellung hier und dort ihre Fechterspiele geben. Da sind aber auch die Ärzte, die, um ihre Kundschaft auszudehnen, gern und oft ihren Standort wechselten und dabei Heildiener und Apotheke mitbrachten; da sind auch noch die Kunstredner des Altertums, halb Prediger, halb Professoren: Kanzel und Katheder in eins. Unsere Sonntagsgottesdienste mit Predigt gab es noch nicht; sie ersetzten diese Wanderredner mit ihren schwungvollen Moralvorträgen, die kunstvoll ausgebaut waren. Aber sie glichen zugleich auch unseren gefeierten Berufshistorikern, die heut herumreisen, um ihren Bismarck-Vortrag überall zum besten zu geben; und der Zulauf, der Lernhunger, der Trieb zur Andacht war grenzenlos. Gewisse volkstümliche Philosophen, Volksbeglücker und Wahrheitsverkünder kamen überhaupt gar nicht weg von der Straße: dafür ist das berühmteste Beispiel der Wundermann Apollonius von Tyana um die Zeit der Zerstörung Jerusalems; sein langes Leben, das früh zum Roman ausgedichtet wurde, stellt sich als eine unausgesetzte Pilgerschaft dar, die ihn von Syrien nach Persien, nach Ägypten, Athen und Italien führte. Und dadurch wird uns weiter das rastlose Reiseleben Kaiser Hadrians verständlich[97]; aber auch der Apostel Paulus.
Die Apostelgeschichte, die von Paulus erzählt, ist wie ein Reisebuch. Wie Apollonius von Tyana, so reist auch Paulus, wenn er nicht zu Schiff fährt, stets nur als Fußgänger[98]. Viele Städte hatte er schon so besucht, in Saloniki, Philippi, Korinth Gemeinden gegründet, als ihm der Prozeß gemacht wird, und er tritt, um sich in Rom dem kaiserlichen Urteilsspruch zu stellen, zu Schiff als Staatsgefangener seine letzte und längste Reise von Caesarea nach Rom an. Vorschrift war, daß, wer zum gerichtlichen Termin nach Rom bestellt wird, auf der Reise täglich 20 römische Meilen oder 30 km machen soll[99]. Aber das ließ sich für Paulus nicht innehalten; denn es war schon Spätherbst; das stampfende Schiff lief bei hoher See, der Sturm verschlug ihn bis nach Malta, und da hielt der Winter ihn drei ganze Monate fest. Dann brachte ihn und seine Fahrgenossen ein alexandrinisches Schiff im ersten Frühling glücklich nach Puzzuoli, jenem großen Weltemporium, auf dessen Molen auch Senecas Augen geruht haben, und von da wandelte der Verkünder Christi auf der nämlichen Appischen Straße, auf der wir auch Seneca fahren sahen, nach Rom. Ob die Augen beider Männer und Verkünder der Menschenliebe je ineinander geruht haben? Wir wissen es nicht.
Das Schiff, auf dem Paulus landete, war nun aber mit dem Gallionbild der heidnischen Götter Castor und Pollux geschmückt. Es ist auffallend, daß die Apostelgeschichte dies ausdrücklich erwähnt[100]. Unter dem Schutz dieser Götter der guten Schiffahrt kam der Apostel Christi sicher ans Ziel. Viele Schiffe zeigten so irgendein Gottesbild, wie das der Isis. Denn der antike Reisende war gefährdet und brauchte die Fürsorge seiner Götter; vor allem auf See. Gebete und Gelübde vor der Abreise geschahen ständig. Daher die schönen Geleitsgedichte (Propemptica) für die Abreisenden, die wir noch besitzen. Und mit der Landreise stand es nicht anders; am Weg standen darum vielfach die Altäre der Straßen-Laren (Lares viales und semitales[101]), denen man Opfer gab. Bei Landtransporten, die glücklich verliefen, gab man auch dem Herkules den Zehnten des Gewinns[102]. Es war dies die einzige Form des Versicherungswesens, die dem Altertum zur Verfügung stand.
Und nun endlich die Gasthöfe. Wer in Eile war und die Nacht durchfuhr, konnte sie freilich entbehren; aber das kam wohl selten vor[103]. Sonst aber mußte man bei Dauerreisen nachts irgendwo einkehren. Glücklich der, dem ein Gastfreund alsdann sein Privathaus öffnete. Der Apostel Paulus ist auf seiner Fußwanderung nach Rom in der Station Tres Tabernae eingekehrt, die wir auch aus Ciceros Briefen kennen. So hatten sich bei dem gewaltigen Anwachsen des Verkehrs an allen Straßen feste Stationen gebildet und überall das Gasthauswesen entwickelt: „mansiones“ hießen solche Herbergen, vom „Verweilen“ (manere), und daher kommt das französische „maison“. Aber es waren meistens nur Tabernen, budenartige Gebäude und der Aufenthalt gewiß nicht sehr verlockend. Wer möchte wohl heute in den Gasthöfen für Geschäftsreisende, im Hotel Terminus oder Rebecchino oder wie sie heißen, dauernd leben? Ganz dieselbe Frage stellt auch schon Horaz[104]. Eine Nacht genügt. Und ein Hotel Terminus ist gewiß noch golden gegen jene Tabernen des Altertums, die zudem oft von Schlafgästen überfüllt waren[105]. Einmal ist uns das Gespräch eines Reisenden mit der Wirtin aus einer dörflichen Herberge noch erhalten. „Wirtin, laß uns abrechnen.“ „Geliefert ein Schoppen Wein, dazu Brot: macht 1 As; warme Speise: macht 2 As.“ „Das stimmt.“ „Dazu ein Mädchen: macht 8 As.“ „Auch das stimmt.“ „Heu fürs Maultier: 2 As[106].“ Das ist die ganze Rechnung[107]. Die Ernährung des Tieres kam also fast ebenso teuer (oder billig), wie die des Menschen. Es wird wohl nicht überall so gewesen sein.
Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb.
Nun aber der Staat! die Reichsverwaltung! Sollte sich nicht auch der Staat selbst die wunderbare Entwicklung des Straßenwesens zu Nutzen machen? Von der einen Tiberstadt aus sollte er die Türkei, Ägypten, Tunis, Frankreich, Spanien, Südengland, die Schweiz, Tirol verwalten: für die zahllosen jährlichen Einläufe, Meldungen, Rechenschaftsablagen, Erlasse, Edikte setzt dies ein rasch und regelmäßig funktionierendes und dabei unendlich verzweigtes Nachrichtenwesen, einen grenzenlosen Depeschenbetrieb voraus. Der Senat beschickte von sich aus die ihm unterstellten senatorischen Provinzländer; im übrigen war das Reich kaiserlich und der Kaiserpalast auf dem Palatinhügel der zentrale Wirbelpunkt der Dinge, wo sich die Büros der Hausministerien, die kaiserlichen Sekretariate (ein griechisches, ein lateinisches) mit unendlichem Personal für Abfassung und Versand der allerhöchsten Verfügungen (ab epistulis), für Bittschriften und ihre Erledigung (a libellis) befanden. Wer den täglichen, hastenden Betrieb auf sämtlichen preußischen Ministerien, Finanz, Handel, Unterrichtswesen, Justiz usf. zusammennimmt, mag sich davon annähernd ein Bild machen. In die Hauptstädte der Provinzen, Lyon, Lambese, Antiochia, Salonae, Tarragona, Corduba, Tanger, wo die kaiserlichen Legaten und Prokuratoren saßen, mußten, ungehindert durch Zeit und Raum, die Arme der kaiserlichen Verwaltung hinüberreichen, um Kontrolle zu üben, tausend Entscheidungen zu übermitteln. Die Akten, die Papiere flogen hin und her. Daher hat auch schon Augustus, der erste große Weltordner vor Kaiser Hadrian, die Reichspost eingeführt, die man den „Staatskurs“ (cursus publicus) nannte und die durch alle Länder lief. Auf dem Meere dienten hierfür die leichten Kurierschiffe des Staates[108], Schnellsegler, zumeist Liburnen, für deren Schiffstypus man das Muster von den Dalmatiern, den besten Seeleuten an der illyrischen Küste der Adria, nahm, wo auch heute noch die kühnsten Seeleute zu finden sind (eben darum möchte sich Italien heute gern dies Dalmatien einverleiben, wenn es könnte)[109]. Die Wagenpost über Land aber hatte Relaissystem; d. h. an allen Stationen wurde immer wieder umgespannt[110], und die Pferde und Mäuler standen dafür also in den Stallungen immer bereit (mutationes). Der Postgaul heißt „veredus“, das Extrapferd „paraveredus“, ein halbwegs gallisches Wort, wovon letzten Endes unser deutsches Wort „Pferd“ sich herleitet. Jedoch fuhr die Post nicht an bestimmten Tagen und Stunden, und feste Fahrpläne, Reichskursbücher, gab es nicht. Die Post hielt sich immer nur an den Ausgangsstationen bereit, und wo Passagiere sich meldeten, wurde gefahren.