Sorglich wurde jeder Brief versiegelt; mit Siegel sicherte man außerdem auch noch das geschnürte Briefbündel. Denn die Zuverlässigkeit der Läufer war doch nicht immer gesichert. Schon die bloße Neugier verlockte zum Lesen, es geschah aber auch oft im Auftrag. Denn in politisch erregten Zeiten war das Spionieren gang und gäbe; die Leute wurden bestochen, das Briefgeheimnis war gefährdet. In der Zeit der römischen Bürgerkriege wurden die Postsäcke so geplündert, wie England es im verwichenen Kriege machte, indem es sogar die Schiffe der neutralen Mächte bestahl[121]. In wichtigen Fällen sicherte man sich deshalb durch Geheimschrift, brauchte sogar auch sympathetische Tinte, die sich unsichtbar machen läßt[122]. Am schlimmsten stand es damit in den Schreckensjahren unter Nero; im Jahre 67 n. Chr. hatte in Rom alle Privatkorrespondenz völlig aufgehört. Die Angst vor der Zensur von oben war zu groß. Die Briefträger (Grammatophoren) brachten damals nur noch die Meldungen von den letzten Hinrichtungen in die Häuser. Es war die Zeit des Grauens, und das Publikum wehrlos, denn die Garde sicherte den Tyrannen[123]. Zum Glück lebte damals Seneca nicht mehr, und niemand konnte seinen Briefen noch etwas anhaben.

Dieselben Schreckensmeldungen von den Justizmorden in Rom hat man damals gewiß auch in der Zeitung lesen können. Denn auch eine Zeitung, ein stadtrömisches Tageblatt, gab es damals, das man über alle Provinzen verschickte. Es fehlte den alten Römern nur an Kaffee und Zigarren, sonst hätten sie mit ihrer Zeitung just so dagesessen wie wir.

Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle.

In Ciceros Zeit war sie entstanden. Es war natürlich, daß in jenen Zeiten des erregtesten politischen Lebens, wo es in der Hauptstadt täglich Weltentscheidungen gab, die Römer, die im Ausland standen, mit gewisser Regelmäßigkeit erfahren wollten und mußten, was los war, was da vor sich ging. So schrieben berufene Männer zunächst nur private Berichte in Briefform über das Neueste an ihre Freunde. Muster solcher Berichte besitzen wir von Ciceros Hand[124]. Indem sie sich wiederholten und häuften, entstanden Serien in Zeitfolge, und auch der Privatcharakter blieb nicht gewahrt. Der Empfänger las die Briefe seinen Freunden im Club vor; ja man verbreitete sie in Abschriften: Abschrift aber ist immer Veröffentlichung. So wurden ja auch des Apostels Paulus Lehrbriefe publiziert; Paulus schickte seine Sendschreiben an die Korinther-, die Römergemeinde, die Gemeinde aber sorgte durch Kopie für geziemende Verbreitung, und so erhielt sich der Text und wuchs an Bedeutung mit dem Wachsen des Christentums.

Den erzählenden Brief, in dem feuilletonistisch Wichtiges und Unwichtiges planlos durcheinanderstand, hat man den Zeitungsbrief genannt; aus diesen Zeitungsbriefen ist durch Veröffentlichung damals die Tageszeitung hervorgegangen. Man gedenke zum Vergleich an die Feldpostbriefe aus dem vergangenen großen Krieg; auch aus ihnen, die damals in der Tat so vielfach abgedruckt wurden, hätte man leicht eine vollständige Kriegszeitung zusammenstellen können, und Versuche der Art wurden ja auch gemacht. Julius Caesar war es, der in Rom im Jahre 59 v. Chr. die amtliche Herausgabe täglicher Berichte, der acta diurna, wie man sie nannte[125], die unter den späteren Kaisern die Hofkanzlei beaufsichtigte, veranlaßte, also eine Staatszeitung, deren Ruhm allerdings nur darin besteht, daß sie 400 Jahre ununterbrochen bestanden hat. Welches moderne Blatt kann auf solches Alter zurückblicken? Journalistische Talente aber, die es einem Cicero gleich täten, übten sich nicht daran. Die Zeitung war jedenfalls völlig anonym. Keine Verfasser werden uns genannt; kein erheblicher Schriftsteller scheint sich beteiligt zu haben. Wer schreiben konnte, schrieb lieber im großen Zusammenhang Geschichtsbücher oder Memoiren, und der Inhalt der „acta“ mag also ledern genug gewesen sein. Übrigens aber kamen daneben als wichtige Ergänzung zeitweilig auch die Parlamentsberichte heraus. Sie betrafen den Senat. Stenographisch wurden die Reden der Senatoren während der Sitzung nachgeschrieben und gingen in Buchform unter der Bezeichnung „Senatsakten“ (acta senatus) ins Publikum aus. Ohne diese ist der Historiker Tacitus nicht denkbar[126]. Die geistvollsten und besten Männer, die der römische Staat besaß, kamen darin zu Worte; die wichtigsten Entscheidungen konnte man da in ihrer Entstehung verfolgen. Wer bei Tacitus die wundervollen Schilderungen der Senatsverhandlungen unter Kaiser Tiberius und Claudius liest, erinnere sich dabei an jene offizielle Quelle, aus der sie stammen. Ganz anders das Tageblatt der acta diurna; es ist damals von den Historikern als Geschichtsquelle nie gebührend ausgebeutet worden; ja auch das großartige Bibliothekswesen Roms scheint die Zeitung, in die wir so gern einmal einen Blick würfen, einer sorglichen Aufbewahrung kaum wert gefunden zu haben[127]. Auf alle Fälle aber war durch sie für das wißbegierige Volk und den Nachrichtenhunger des Publikums ausreichend gesorgt; wer die neuesten Nachrichten haben wollte, konnte sie haben.

Vergleich der neueren Zeiten. Mangel des Kompaß. Winterstille.

Blicken wir zurück, so scheint der Eindruck unabweislich, daß in den wichtigsten der Dinge, die ich besprochen, im Straßenbau und Reichspostwesen das Europa der Zeit Kaiser Hadrians das Europa der Zeit Friedrichs des Großen und Napoleons ganz erheblich übertroffen hat. Denken wir nur, wie lange ein Reisender im 18. Jahrhundert brauchte, um von Madrid nach Wien, wie lange ein Warentransport, um von Cöln nach Konstantinopel zu kommen! und wie hätte man es damals wohl fertig gebracht, ein Heer von Paris bis an den Euphrat zu werfen? Diese Fragen sind voll berechtigt. Und doch — den Hauptnachteil des antiken Verkehrslebens habe ich noch gar nicht berührt, und damit ändert sich das Bild sofort. Das ist das Aussetzen der antiken Schiffahrt bei Sturm; ich meine das Altertum im Winter. Das Mittelmeer war die große Hauptverkehrsstraße der Antike. Sie war im Winter völlig unbenützbar. Das ganze Leben war durch den Winter blockiert.

Den Mangel der Kohlenindustrie teilte das 18. mit dem 2. Jahrhundert; aber die Neuzeit hatte den Kompaß, das Altertum hatte den Kompaß nicht. Dieser scheinbar so geringfügige Mißstand war es, der das ganze Altertum, das sonst so tatkräftig, entdeckungsfreudig war, lahm setzte. Wie sollte man auf offener See Weg und Richtung nicht verlieren? Man mußte sich immer ängstlich in Sicht des Landes halten, eine beklagenswerte Gebundenheit, und nur der Tollkühne wich bei allerhöchster Not hiervon ab, so wie jener Ikelus, als er dem Galba die wichtige Kaiserbotschaft brachte. Es ging für ihn auf Leben und Sterben. Eben darum vermied man auch nachts auf offener See zu fahren und ging abends in den ersten besten Hafen. Selten, daß einmal zur Nachtfahrt ein Schiff wirklich Lichter aufsetzt[128]. Die kühnen Entdecker unter den Seefahrern, die durch die Straße von Gibraltar stießen, ein Hanno, ein Pytheas, sie sind allerdings bis England und Jütland gefahren, den Nordstürmen Trotz bietend, haben sogar auf der Straße Vasco de Gamas Afrika bis in die Nähe des Äquators zu umschiffen begonnen, denn das war auch bei kompaßloser Küstenfahrt möglich; den Vorstoß nach Amerika hat man dagegen im Altertum nur vorausgesagt, aber nicht ausführen können.

Nun aber der Winter. Im ganzen Winter war kein Schiff mehr auf dem weiten Mittelmeer zu sehen; alles wie weggeblasen; wie eine leere Tenne; wie der Tanzboden, wenn der Wirt Schluß macht und alle Lichter auslöscht. Der Gott Poseidon blieb vier volle Monate in seiner schäumenden Wasserwüste mit seinen Delphinen und Haifischen allein: alle Schiffe und Boote an Land gezogen und auf den Staden aufgelegt. Kapitän und Bootsmann strecken die Glieder aus und ruhen. So hörten wir ja schon vom Apostel Paulus: monatelang blieb er, als er zu Schiff nach Rom wollte, im Winter auf der Insel Malta liegen. Wenn die Sturmwolken gingen, konnte man in der dicken Luft und in der Lichtlosigkeit die Küsten nicht sehen: dies war nach Vegetius der Grund[129], den wir vollauf begreifen. Ganz so wie Paulus wird auch ein gewisser Kephalion, der dem Atticus Briefe überbringen soll, „viele Monate“ zurückgehalten[130]. Mindestens 40 Tage brauchte im Winter ein Brief von Rom nach Spanien, weil er da eben über Land laufen mußte[131]. Cynthia, des Properz Geliebte, will mit einem hohen Beamten nach Epirus reisen, aber Gottlob ist es noch Winter; sie kann noch nicht auf See. „Wenn der Frühling kommt,“ so droht ihr der Dichter, „werde ich am Strand stehen, um dir, wenn du abfährst, nachzuschauen, und dir schlechte Fahrt wünschen.“ Der Frühling kommt, da bleibt Cynthia in Rom, sie reist nicht, und der Liebende ist glücklich.

Im Winter der Nachrichtendienst u. die Zufuhren behindert.