Das Buch, das freundliche Aufnahme gefunden hat, lege ich jetzt durchgebessert, doch im Wesentlichen unverändert nochmals dem Publikum vor. Einige Zusätze haben die „Anmerkungen“ erfahren. Zu Dank bin ich Herrn O. Roßbach verpflichtet, der mir durch seine Besprechung in der Berliner philologischen Wochenschrift 1918 Sp. 1206 ff. zu mehreren Berichtigungen den Anlaß gab. Anderes habe ich ändern müssen, da es der politischen Lage des Vaterlandes nicht mehr entsprach. Denn all unsere stolzen patriotischen Hoffnungen, denen ich Worte verlieh, sind nun zerschlagen. Nicht der Feind, unser unselig verhetztes Volk selbst und der törichte Wilsonglaube unserer Pseudopolitiker hat sie zerstört.

Marburg a. L., 20. Mai 1919.

Der Verfasser.

Inhaltsübersicht.

Die Römerin [1]
Rom und der Genius Roms. Heldinnen. Stellung der Mutter zum Sohne. Keuschheit. Lose Eheverhältnisse. Energie der Römerin. Mangelnde Tierliebe. Ehebruch. Organisation der Bürgerinnen. Hetärenwesen. Messalina. Schönheitsideal. Frisur. Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren. Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften. Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.
Antike Gastmähler [20]
Ästhetische und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Beginn des Luxus in Rom. Übertreibende Schilderungen. Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung. Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung. Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen. Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten. Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung. Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch. Gastgeschenke. Bezug der Eßwaren. Import. Bereicherung der Fauna und Flora Italiens. Nachwirkung auf unsere moderne Ernährung. Der Koch und seine Hilfsmittel; seine Wunderleistungen. Der scissor. Essen mit den Fingern. Mundtücher. Brot. Analecta. Zwei Bibelstellen erläutert. Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.
Auf der römischen Heerstraße [48]
Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens. Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms. Stadtklatsch in Rom. Maueranschläge. Brieftafel. Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst. Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens. Gallisches Fuhrwesen. Das Heer auf dem Marsch. Train. Kauffahrer. Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen. Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunkwagen. Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen Herren. Fußwandern und Pilgern. Die Meile. Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. Gasthöfe. Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb. Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit Hadrians. Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf. Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle. Vergleich der modernen Zeiten. Mangel an Kompaß. Winterstille; im Winter der Nachrichtendienst und die Zufuhren behindert.
Die Laus im Altertum [83]
Modernes; russische Mönche. Byzantiner. Die Laus in Hellas bei Bauern und Fischern; sie fehlt bei Aristophanes und sonst. Reinlichkeit der Städter. Bad, Gymnastik, Rasieren. Die griechischen Frauen. Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der römischen Literatur; bei den Spottdichtern. Anders in der älteren Zeit Roms: Komödie, Lucilius. Die Fabel Sullas. Petron. Kaiser Julian. Phtheiriasis. „Läusefresser“ bei den Barbaren damals und heute.
Der Mensch mit dem Buch [99]
Der blinde Homer ohne Buch. Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“. Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur bei den Griechen. Herstellung des Papiers. Seine Haltbarkeit. Umfang der Rollen. Buchteilungen. Ausstattung. Bibliothek. Bildliche Darstellung von Schreibenden und Lesenden. Langsam lesen; in Abschnitten lesen. Anfangs beschränkter Leserkreis; Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle dargestellt. Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter. Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.
Verlagswesen im Altertum [122]
Vervielfältigung der Bücher nach Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar? Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen Autoren. Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb der erhabenen Dichtwerke. Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung. Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der römischen Kaiser. Soziale Stellung des unbemittelten Autors.
Woher stammen die Amoretten? [134]
Amoretten heute und in der Renaissancekunst; im Altertum. Geflügelte Götter. Eros und Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde. Kinderscharen in den Häusern der Reichen seit der Alexandrinerzeit. Deliciae. Die stoische Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege. Deliciae sind „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius bei Catull. Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst. Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder; erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest. Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte deliciae. Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker. Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling. „Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel. Auch lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick. Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck.
Seneca [165]
Senecas Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm. Einheit seines Wesens. Stoische Religion. Der Ethiker für den lateinischen Okzident. Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen. Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare. Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung. Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn. Agrippina zurückgedrängt; Senecas Reichsverwaltung. Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a. Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende. Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild. Schrift gegen den Aberglauben.
Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi [189]
Christi Verhöhnung. Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalienkönig als Tölpel. Der Tölpel als König im Mimus. Sardi venales. Vitellius’ Ende. Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.
Witzliteratur und Gesellschaft in Rom [203]
Simplizissimus und Fliegende Blätter. Die Zote. Tendenzlose Späße und Belustigungen. Die Invektive. Die Satire. Togatkomödie. Pasquille: Catull gegen Caesar, Vergil gegen Noctuin und Sabinus. Horaz’ Epoden und Lydia-Ode. Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt. Proben aus Martial. Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont. Toleranz im Religiösen. Kein Rassenhaß. Anders die Satire. Religiöse Aufklärung: Persius, Seneca, Juvenal. Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter. Völkerhaß in der Gegenwart.
Anmerkungen [235]

Tafel 1

Bildnis einer Römerin.
(Neapel, Museum nationale.)

Die Römerin.

Weltgeschichte ist Kampf der Völker. Die Frau arbeitet und nährt, aber sie kämpft nicht in Waffen oder hat doch den Kampf verlernt. Daher ist die Weltgeschichte eine Geschichte des Mannes. Der Mann ist Kauffahrer, und er führt zugleich das Schwert, um den Erwerb zu schützen und zu erweitern. So ist auch die römische Geschichte Männergeschichte. Römerkastelle, Römerstraßen, Schlachtfelder, Triumphbögen, Arenen zeigen uns immer dieselben Gestalten. Die römische Tugend selbst ist männlich; denn sie heißt virtus (französisch vertu), leitet sich also von vir her. So wie iuventus die Eigenschaft des Jünglingsalters (iuvenis), senectus die Eigenschaft des Greisenhaften (senex), so war virtus zunächst nichts weiter als die Eigenschaft, ein reifer Mann, vir, zu sein. Dieser Eigenschaft zu gleichen, erschien aber als das Ideal für alle. Und als reifer Mann steht in der Tat auch das Römervolk selbst fechtend und knechtend, triumphierend und Ordnung schaffend unter den Völkern. Ja, das Nämliche gilt sogar von der Tiberstadt selbst. Die Stadt heißt freilich Roma, als wäre sie ein Feminin[1]; allein wenn Rom statuarisch als weibliche Göttin gebildet und in Tempeln aufgestellt wurde, so war das gleichwohl unrömisch, und es geschah durch Griechen nach dem Vorbild griechischer Stadtgöttinnen wie der Athene. Römisch und echt ist dagegen, daß Rom, wie jeder Mann, einen Genius hat, den man göttlich verehrte. Der „Genius Roms“ bedeutet das Lebensprinzip des Staates, und aller Genius ist männlich[2].