Rührst du nicht im Mund die Zunge,

Wird der Liebe Frucht verschleudert.

Venus liebt das viele Schwatzen.

Oder aber, riegle gerne

Deinen Gaumen zu, wofern ich

Eure Liebe teilen darf.

Die Kleinheit des Kindes ist hier scherzhaft übertrieben. Es ist die Komik der Liliputgeschichten, die bei den Alten aus diesem Anlaß typisch war[223].

Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst.

Eines aber fällt noch besonders auf: Camerius heißt „nackt“. Zum Wesen des Putto gehörte das Unbekleidetsein; so urteilte nicht nur die Kunst, deren Zweck es war, den Kinderkörper selbst naturwahr zu behandeln, sondern auch das Leben. Wir erfahren durch ausdrückliches Zeugnis: jene Delicien liefen in den Häusern stets nackt herum; es war dies so sehr bezeichnend für sie, daß sie von den Schriftstellern technisch einfach als „die Nackten“ eingeführt werden[224]. Der Anblick verletzte kein Schamgefühl; die Schuldlosigkeit der unverhüllten Natur im Kinde ist paradiesisch und hat etwas Heiliges. Darum haben eben die großen Meister das Christuskind nur nackt bilden wollen, und auch heute ist der sonst so wenig klassische Zeitgeschmack dem zugeneigt: wie gerne lassen unsere zärtlichen Mütter ihr liebes Jüngstes in süßer Blöße im Körbchen hockend photographieren!

So hat denn auch die antike Plastik diese flügellosen Putten nach dem Leben wiederholt dargestellt. Unsere Gelehrten sollten nur aufhören, diese Figuren „flügellose Eroten“ zu nennen, da es einfacher und das Zutreffende ist, vielmehr die Eroten als geflügelte Kinder zu bezeichnen. Vielfach sind es Einzelstatuetten[225], wo das Kind bald nur dasteht, bald Nüsse oder Astragalen spielt (so auch ein Bildwerk des Berliner Museums), bald in die Fußfessel geschlagen trauert; zweie, die sich balgen und in sich verbeißen, in entzückender Wahrheit (Statuette in Vienne). Ein Relief im Garten der Villa Pamfili zeigt bei einem Trinkgelage sechs nackte Kinderchen als Spielzeug der Zechgenossen. So liebte sie Archytas von Tarent. Dazu die hübschen Kinder als Brunnenfiguren, ein häufiger Schmuck antiker Atrien (in Rom), einen Vogel oder Delphinkopf haltend[226].