Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie, wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als unbewußte Zustände noch vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes (s. [S. 36]), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden.
In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der Traumzustand. Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer Schwächung des bewußten Willens, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.
Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein, so zeigt sich, daß die eine Vorstellung immer durch eine andere hervorgerufen wird, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist. Diese Vorstellungsverbindung nennt man Assoziation der Vorstellungen oder auch Ideenassoziation. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und beruht:
1. Auf der Ähnlichkeit der Vorstellungen. Die Vorstellung einer Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen hervor.
2. Auf deren äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit (Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die Übung spielt hier eine große Rolle (s. [§ 28]).
Von dem Verschwinden der Vorstellungen glauben nun die einen, es sei das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung ausgehen, daß wegen der sogenannten Enge des Bewußtseins immer nur eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden. Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre Stärke beruht, das ergibt sich zum Teil aus den Gesetzen ihrer Wiedererzeugung, zum Teil aus der Bedeutung, welche sie für das vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand für uns selbst und je größer infolgedessen das auf Gefühlen beruhende Interesse ist, das wir an ihm haben.
§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.
Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die Aufmerksamkeit, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung festzuhalten, und das Gedächtnis, d. h. die Fähigkeit, verschwundene Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu erinnern.
Man unterscheidet zwischen unwillkürlicher und willkürlicher Aufmerksamkeit. Die unwillkürliche wird durch einen plötzlich an uns herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B. eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. Die willkürliche Aufmerksamkeit entsteht durch das Interesse (s. [§ 11]), das die Willenstätigkeit veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht, gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch, daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so entsteht das Gegenteil, die Zerstreutheit.
Das Gedächtnis beruht auf den Gesetzen der Reproduktion. Wir können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „besinnen”, indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf mechanische Weise durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an die Richtung gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden (ein auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf logische Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der euklidischen Geometrie.