Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als Wunsch. Treten mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den Vorsatz, ein bestimmtes Ziel anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die Entscheidung ist deshalb zunächst eine oberflächliche und kann, wenn sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden: „der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die Wagschale legt, so entsteht der Entschluß. Dieser ist die höchste Form des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern, desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die strafrechtliche Beurteilung.
Was für ein geistiger Vorgang der Willensakt ist, wie es geschieht, daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen inneren Zustand nehmen wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält, diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein, sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft, jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.
§ 26. Die Freiheit des Willens.
Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß faßt, frei sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben vorausgesetzt. Diesem Indeterminismus, der auch wissenschaftlich vertreten wurde, steht der Determinismus gegenüber, der die Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen, ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist, die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes:
1. Der Determinismus erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des Willens sei das Gesetz der Kausalität, daß alles eine Ursache haben müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens aufgehoben. Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen.
2. Der Indeterminismus weist auf gewisse psychologische Tatsachen hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen innern Zustand ausdrücken, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch Gebärden genannt.
Man kann dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen unterscheiden, die aber häufig zusammenwirken:
1. Bewegungen, die nur die starke Erregung des Gefühls unmittelbar zum Ausdruck bringen. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten. Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der Muskeln, das Lachen und Weinen. Das Lachen ist der Ausdruck körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das Weinen ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen. Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind.