Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.
§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.
Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer ergeben, wie eng sie zusammengehören.
1. Das Erkennen ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das Gefühl ist das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es verknüpft sie durch das Interesse mit dem Individuum. Nur der Wert, den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen, die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des Willens, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.
2. Das Gefühl kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt, um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit den Vorstellungen, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine deutliche Erinnerung von Gefühlen nur möglich durch Wiedererzeugung der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen die höheren Gefühle, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen, religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen bewahren. Es muß aber auch der Wille zu Hilfe kommen. Durch einen Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen, in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen Strebens verhindert.
3. Der Wille ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die Erreichung desselben durch Verknüpfung mit Lustgefühlen einen gewissen Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu erreichen, ohne eine Erkenntnis der Mittel dazu, die vom Verstand ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur Leitung des Willens aufgestellt werden.
So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der verschiedensten Weise. Und wie an einem Individuum zu verschiedenen Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille vorwiegt, so erhalten die verschiedenen Individuen ein eigentümliches Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen vorwiegt, so spricht man von Verstandesmenschen, Gefühlsmenschen und Männern der Tat. Die höchste Form ist aber immer das ideale Gleichgewicht, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen Geistes.