»Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn man weiß, was man soll, so find't sich's schon. Aber wo das Sollen fehlt, da fehlt auch das Wollen. Es ist halt a Glück, daß wir Rom haben und den heiligen Vater.«
»Ach,« sagte Melusine, »wer's Ihnen glaubt, Baronin! Aber lassen wir so heikle Fragen und hören wir lieber von dem, den ich – ich bin beschämt darüber – in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte, von unserm Wundermann mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen, der reinen Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen Nährvater unsers Freundes Stechlin. Eh bien, was ist es mit ihm? ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,‹ – das könnt uns beinahe genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so denn attention au jeu. Unser Freund Stechlin hat das Wort.«
»Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort,« wiederholte Woldemar, »so sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem nachkommen ist nicht so leicht. Vorhin, da war ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das hat seine Schwierigkeiten. Und dann erwarten die Damen immer eine Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich, was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe. Sie gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen.«
»Keine Ausflüchte!«
»Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege versuchen und Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern, wie meine letzte Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in ersichtlich großer Erregung, und zwar über ein Büchelchen, das er in Händen hielt.«
»Und ich will raten, was es war,« unterbrach Melusine.
»Nun?«
»Ein Buch von Tolstoj. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. Anpreisung von Askese.«
»Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht geographisch. Es handelt sich nämlich nicht östlich um einen Russen, sondern westlich um einen Portugiesen.«
»Um einen Portugiesen,« lachte die Baronin. »O, ich kenne welche. Sie sind alle so klein und gelblich. Und einer fand einen Seeweg. Freilich schon lange her. Ist es nicht so?«