»Ach, Korinna, du nimmst alles so leicht und denkst, wenn du’s leicht nimmst, so hast du’s aus der Welt geschafft. Aber es glückt dir nicht. Die Dinge bleiben doch schließlich, was und wie sie sind. Ich habe dich nun bei Tisch beobachtet ...«
»Unmöglich, du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof gemacht, und ein paarmal wurde sie sogar rot ...«
»Ich habe dich beobachtet, sag’ ich, und mit einem wahren Schrecken das Übermaß von Koketterie gesehen, mit dem du nicht müde wirst, dem armen Jungen, dem Leopold, den Kopf zu verdrehen ...«
Sie hatten, als Marcell dies sagte, gerade die platzartige Verbreiterung erreicht, mit der die Köpenickerstraße, nach der Inselbrücke hin, abschließt, eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle. Korinna zog ihren Arm aus dem des Vetters und sagte, während sie nach der anderen Seite der Straße zeigte: »Sieh’, Marcell, wenn da drüben nicht der einsame Schutzmann stände, so stellt’ ich mich jetzt mit verschränkten Armen vor dich hin und lachte dich fünf Minuten lang aus. Was soll das heißen, ich sei nicht müde geworden, dem armen Jungen, dem Leopold, den Kopf zu verdrehen? Wenn du nicht ganz in Huldigung gegen Helenen aufgegangen wärst, so hättest du sehen müssen, daß ich kaum zwei Worte mit ihm gesprochen. Ich habe mich nur mit Mr. Nelson unterhalten, und ein paarmal hab’ ich mich ganz ausführlich an dich gewandt.«
»Ach, das sagst du so, Korinna, und weißt doch, wie falsch es ist. Sieh’, du bist sehr gescheit und weißt es auch; aber du hast doch den Fehler, den viele gescheite Leute haben, daß sie die anderen für ungescheiter halten als sie sind. Und so denkst du, du kannst mir ein X für ein U machen und alles so drehen und beweisen, wie du’s drehen und beweisen willst. Aber man hat doch auch so seine Augen und Ohren und ist also, mit deinem Verlaub, hinreichend ausgerüstet, um zu hören und zu sehen.«
»Und was ist es denn nun, was der Herr Doktor gehört und gesehen haben?«
»Der Herr Doktor haben gehört und gesehen, daß Fräulein Korinna mit ihrem Redekatarakt über den unglücklichen Mr. Nelson hergefallen ist ...«
»Sehr schmeichelhaft ...«
»Und daß sie — wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein anderes Bild dafür einstellen will — daß sie, sag’ ich, zwei Stunden lang die Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe balanciert und überhaupt in den feineren akrobatischen Künsten ein Äußerstes geleistet hat. Und das alles vor wem? Etwa vor Mr. Nelson? Mitnichten. Der gute Nelson, der war nur das Trapez, daran meine Kusine herumturnte; der, um dessentwillen das alles geschah, der zusehen und bewundern sollte, der hieß Leopold Treibel, und ich habe wohl bemerkt, wie mein Kusinchen auch ganz richtig gerechnet hatte; denn ich kann mich nicht entsinnen, einen Menschen gesehen zu haben, der, verzeih’ den Ausdruck, durch einen ganzen Abend hin so ›total weg‹ gewesen wäre wie dieser Leopold.«
»Meinst du?«