Friedeberg aber fuhr fort: »Es werden nämlich, um Küstrin herum, immer noch Massen gewonnen, trotzdem es nicht mehr das ist, was es war. Ich habe selbst noch Wunderdinge davon gesehen, aber freilich nicht in Vergleich zu dem, was die Leute von alten Zeiten her erzählten. Damals, vor hundert Jahren, oder vielleicht auch noch länger, gab es so viele Krebse, daß sie durchs ganze Bruch hin, wenn sich im Mai das Überschwemmungswasser wieder verlief, von den Bäumen geschüttelt wurden, zu vielen Hunderttausenden.«
»Dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen«, sagte Etienne, der ein Feinschmecker war.
»Ja, hier an diesem Tisch; aber dort in der Gegend lachte man nicht darüber. Die Krebse waren wie eine Plage, natürlich ganz entwertet, und bei der dienenden Bevölkerung, die damit geatzt werden sollte, so verhaßt und dem Magen der Leute so widerwärtig, daß es verboten war, dem Gesinde mehr als dreimal wöchentlich Krebse vorzusetzen. Ein Schock Krebse kostete einen Pfennig.«
»Ein Glück, daß das die Schmolke nicht hört,« warf Schmidt ein, »sonst würd’ ihr ihre Laune zum zweitenmal verdorben. Als richtige Berlinerin ist sie nämlich für ewiges sparen, und ich glaube nicht, daß sie die Tatsache ruhig verwinden würde, die Epoche von ›ein Pfennig pro Schock‹ so total versäumt zu haben.«
»Darüber darfst du nicht spotten, Schmidt«, sagte Distelkamp. »Das ist eine Tugend, die der modernen Welt, neben vielem anderen, immer mehr verloren geht.«
»Ja, da sollst du recht haben. Aber meine gute Schmolke hat doch auch in diesem Punkte les défauts de ses vertus. So heißt es ja wohl, Etienne?«
»Gewiß«, sagte dieser. Von der George Sand. Und fast ließe sich sagen ›les défauts de ses vertus‹ und ›comprendre c’est pardonner‹ — das sind so recht eigentlich die Sätze, wegen deren sie gelebt hat.«
»Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset«, ergänzte Schmidt, der nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich, aller Klassizität unbeschadet, auch ein modernliterarisches Ansehen zu geben.
»Ja, wenn man will, auch von wegen dem Alfred de Musset. Aber das sind Dinge, daran die Literaturgeschichte glücklicherweise vorübergeht.«
»Sage das nicht, Etienne, nicht glücklicherweise, sage leider. Die Geschichte geht fast immer an dem vorüber, was sie vor allem festhalten sollte. Daß der alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen Kammergerichtspräsidenten, Namen hab’ ich vergessen, den Krückstock an den Kopf warf, und was mir noch wichtiger ist, daß er durchaus bei seinen Hunden begraben sein wollte, weil er die Menschen, diese ›mechante Rasse‹ so gründlich verachtete — sieh’, Freund, das ist mir mindestens ebenso viel wert wie Hohenfriedberg oder Leuthen. Und die berühmte Torgauer Ansprache, ›Rackers, wollt ihr denn ewig leben‹, geht mir eigentlich noch über Torgau selbst.«