Mit dem Morgengrauen war ich wach. Ob mir’s ein Traum eingegeben, gleichviel, es stand plötzlich für mich fest, daß Alles davon abhänge, einen wenigstens vorläufigen Beweis zu führen, daß ich nicht preußischer Offizier sei. Von dem Momente ab, wo es mir geglückt sein würde, diese Annahme zu erschüttern, werde man nichts mehr übereilen, und erst über die nächsten 24 Stunden hinweg, müsse sich, bei Nachforschung und ruhiger Ueberlegung, meine absolute Unschuld wie von selbst ergeben. Um 6 Uhr saß ich an dem langen Tisch, den Mr. Bourgaut am Abend vorher zurecht gerückt hatte, um 8 Uhr war ich in Brouillon und Abschrift mit einem langen Memoire fertig, das bereits um 9 Uhr auf dem Büreau des Generals lag. »Donnez-moi du temps et vous me donnez tout« hieß es darin. Den Beweis meiner Nicht-Militairschaft hatte ich bis zur Evidenz geführt. Woher mir in einer fremden Sprache, die ich stets über Gebühr vernachlässigt hatte, die Möglichkeit kam, ohne Diktionnair oder sonstiges Hilfsmittel, ein solches Memoire zu schreiben, weiß ich nicht. Oder sag’ ich lieber: ich weiß es.
Der Vormittag verging, der Nachmittag, der Abend. Les autorités civiles et militaires waren nicht zusammengetreten. Es fiel mir wie eine Last von der Brust, ich athmete auf und als mir mein zappelmännischer Mr. Bourgaut, mit dem ich mich, trotz seiner schießenden schwarzen Augen, mehr und mehr auszusöhnen begann, am Abend den Thee brachte, flüsterte er mir freundlich zu: Tout va bien, tranquillisez-vous! »Tranquillisez-vous«. Das klang besser als »Décidera votre sort«. Ich schlief fest. Auch der nächste Tag verging ohne Kriegsgericht. Ich durfte jetzt annehmen, daß ich gerettet sei. Ich fühlte mich dem Leben wiedergegeben.
Ich blieb noch eine kurze Zeit in Langres, während welcher Epoche hin und her verhandelt wurde, was man eigentlich mit mir machen solle? Meine vollkommenste Unschuld war evident, dennoch konnte man sich nicht entschließen, mir ohne Weiteres die Freiheit zurückzugeben. Es geschah, was immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: eine Autorität schob einer andern die Verantwortlichkeit zu. Es wurde beschlossen, mich von der Brigade an die Division zu verweisen. Ehe dies aber ausgeführt wurde oder auch nur bestimmt zu meiner Kenntniß gelangte, vergingen noch drei Tage. Diese waren mein Idyll zu Langres.
An dem ersten dieser drei Tage wurde mir in aller Morgenfrühe »Monsieur Louis«, der Sohn des Hauses, durch Papa Bourgaut vorgestellt und von diesem Moment an war ich nicht mehr Alleinbewohner meines Gefängnisses, sondern theilte es mit »mon cher Louis«. Es war ein allerliebster Junge, dreizehnjährig, frisch, naiv, voller Begabung, namentlich nach der Seite des Künstlerischen hin. Der Umstand, daß gerade die großen Ferien waren, machte es ihm möglich, 12 Stunden des Tages mein Gesellschafter zu sein. Ich gewann den Jungen lieb, aber 12 Stunden war doch fast zu viel.
Wunderbares Leben, das in solchem Gefängniß, wenigstens zeitweilig, an der Tagesordnung ist. Sehr viel anders, als es der Draußenstehende sich ausmalt. Wir begannen in der Regel mit einer Stunde deutschen Unterricht. Er hatte Lesebücher, darin auch viele deutsche Gedichte eingestreut waren, unter andern Claudius’ »Abendlied«. Und so lasen wir denn:
Der Mond ist aufgegangèn,
Die goldenen Sterne prangèn,
immer mit dem Accent auf der letzten Sylbe, was einen unendlich komischen Eindruck machte. Nach dem deutschen Unterricht kamen Räthsel und Rebus an die Reihe, worin er mir unendlich überlegen war. Dann schritten wir zu den verschiedensten Gesellschaftsspielen; wir arrangirten mit großen Zwei-Sousstücken eine Art Boccia, die darauf hinauslief, das ausgeworfene Zwei-Sousstück zu treffen, oder ihm möglichst nahe zu kommen; dann gingen wir zum jeu au bouchon über, das, dem eben absolvirten Boccia verwandt, die Pointe verfolgte, einen mit Sousstücken belegten Pfropfen zu treffen, bis zuletzt jenes bekannte Geduldspiel, das im Französischen junchets, im Englischen und Holländischen »Spilleken«, im Deutschen aber Zitterspiel heißt, alles andere in den Hintergrund drängte. Wir spielten es mit Schwefelhölzern, oft mehrere Stunden lang; an einem dicken Exemplar, das eigentlich aus drei, durch Phosphormasse zusammengeklebten Hölzchen bestand, hing in der Regel der Sieg. Es galt als Zehner.
Waren wir dann ermüdet von dem vielen Spielen, so wußte cher Louis durch eine Art ernsteren Sport die Nerven wieder zu beleben. Er hatte ein kleines Pistolet, dessen Lauf nur etwa die Dicke einer Rabenfeder besaß, und gegen welches die rostigen Schlüsselbüchsen meiner Jugend wahre Monstrekanonen waren. Dieses Pistolet handhabte cher Louis nun mit eben soviel Kühnheit wie Geschick. Er holte eine Schachtel mit Amorces, d. h. also mit Knallpapieren, deren jedes nur die Größe eines kleinen Stückchens englischen Pflasters hatte. Diese Amorces verwendete er doppelt: zunächst als Zündpulver, indem er eins der Stückchen Papiere auf die Pfanne legte, dann aber namentlich auch als eigentliche Explosionsmasse, indem er aus etwa 6 oder 8 Amorces die Knallsubstanz sandkorngroß herausschälte und mit diesen 6 oder 8 Körnchen die Waffe lud. Ein Schrotkorn, das dem Kaliber entsprach, wurde aufgesetzt. Nun hefteten wir eine Papierscheibe an die Wand, und während Papa Bourgaut unten in seinem entlegenen Büreauzimmer Listen schrieb und revidirte, standen wir hier oben mit unserer Mordwaffe und feuerten auf 5 Schritt ins Schwarze, daß der Kalk von den Wänden flog.
Endlich am Mittag des fünften Tages — ich hatte all die Zeit über von Kaffee und Thee gelebt — erschien mein »Gardien-chef« (Bourgaut), um mir mitzutheilen, daß ich am nächsten Morgen nach Besançon transportirt werden würde. Er hielt eine lange Rede, noch länger als gewöhnlich. Ich konnte nicht völlig folgen und bat ihn, mir den Inhalt aufzuschreiben. Er war bereit. Zum Unglück schrieb er aber ebenso rasch wie er sprach, und ich war wenig gebessert. In dieser Verlegenheit blieb mir, nach dem Verschwinden des Papas, nur der Appell an cher Louis. »Louis, dites moi, qu’est c’est que ça?« Der Junge las, las wieder, drehte das Papier, endlich schüttelte er den Kopf und sagte ruhig: »ce n’est pas français«. In naiver Weise, ohne Beimischung von eigentlicher Unbescheidenheit, sprach sich darin das Gefühl jener Ueberlegenheit aus, das immer die Söhne über den Vater haben. Nach Scheiterung beim Sohne mußte ich am Ende, wohl oder übel, an die erste Instanz zurück. Papa Bourgaut nahm die Anfrage weiter nicht übel und faßte nunmehr epigrammatisch die Situation dahin zusammen: »renvoyé dans votre pays par la Suisse, ou autorisation supérieure pour séjourner en France«. In diesen paar Worten lag ein ganzer Himmel. Das »Renvoyé« ergab sich danach als das stärkste Strafmaß, das mir zudiktirt werden konnte, wohl aber war mir die Möglichkeit gegeben, im Lande bleiben und meine Schlachtfelder-Studien fortsetzen zu können. Ich war wie genesen, betrachtete mich als frei und hundert freundliche Bilder des Wiedersehens stürmten auf mich ein. Das Gefühl des Glückes war so groß, daß ich die Frage, »ob ich unter diesen Umständen wohl geneigt sei, ein ordentliches Abendmahl einzunehmen«, sofort mit einem herzlichen »ja« beantwortete. Acht Uhr wurde festgesetzt und Seitens der Familie Bourgaut der Wunsch ausgesprochen, daß ich das Mahl in ihrem Familienzimmer einnehmen möchte. Ich rüstete mich also mit aller möglichen Feierlichkeit, klopfte meinen Rock an allen vier Bettpfosten aus, streichelte den hart mitgenommenen Sammtkragen und knöpfte die Uhr ein, die bis dahin, ordnungsmäßig deponirt, nur für diese feierliche Gelegenheit wieder eingehändigt worden war.
Punkt 8 Uhr trat ich in den Salon, ein großes Hinterzimmer, das sich bis dahin meinen Blicken verborgen hatte. Es war sehr sauber gehalten, auf der Heerdstelle brannten große Scheite Buchenholz; während über dem Kamin, in einer Art von Aureole, die Photographien aller derer hingen, die dem Hause Bourgaut anverwandt oder zugethan waren. Ich musterte sie alle und versuchte mich in Hypothesen über Charakter und Lebensstellung. Wir nahmen endlich Platz, cher Louis, der etwas neckisch und übermüthig war, wurde ein paar Mal mit »ce n’est pas poli« zur Ruhe verwiesen, die gute Laune erlitt aber durch solche Zwischenfälle keine Einbuße, und die Riesentaube, die mir endlich durch Madame Bourgaut vorgesetzt wurde und freilich einer ganz anderen Geflügelgattung anzugehören schien, als jener furchtbare Sperlingsbraten, der bei uns zu Lande unter diesem Namen servirt zu werden pflegt, war nur im Stande, die gute Laune zu steigern. Das Fest stand auf seiner Höhe, als beim dritten oder vierten Glase Wein eine mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen »Tante« führte. Sie war sehr stark, unverheiratet und von heiteren Gesichtszügen. Wir sprachen von »cher Louis«, dessen Pathe sie war, und die Bemerkung drängte sich mir auf, ob ihr Liebling, eben unser Freund Louis, nie Geschwister gehabt habe? Als dies verneint wurde, ging ich zu der heiklen, übrigens von der Statistik oft aufgeworfenen Frage über: wie es nur komme, daß die Franzosen meist 2, die Deutschen meist 4 und die Engländer meist 14 Kinder hätten? Diese letztere Zahl, mit der ich es nicht allzu genau zu nehmen bitte, gab nun das Signal zu allgemeiner Heiterkeit. Die Tante, die zu fühlen schien, daß sie es wohl verdient hätte in England geboren zu sein, befand sich au comble du bonheur und ihr Lachen fing an mich mehr oder weniger zu beunruhigen. Es war nur möglich, durch irgend eine Diversion weiterem Unheil vorzubeugen; ich brachte also ein halbes Dutzend Toaste aus, gleichviel was, ließ Frieden, Freiheit, Völkerglück leben, stieß mit Allen an, mit der Tante dreimal, und trat dann, etwas abrupt, meinen Rückzug an, ohne das Ende der Festlichkeit abgewartet zu haben.