bedfellows.

Shakespeare (Tempest).

Ich hatte dies »à la Citadelle« keineswegs erwartet, vielmehr von unmittelbarer Freilassung und Unterbringung in einem Hotel geträumt; nichtsdestoweniger erschreckte mich diese Ordre nicht geradezu. Ich entsann mich eines Besuches, den ich vor vielen Jahren einmal auf der Spandauer Citadelle gemacht hatte, und knüpfte an Festungshaft, die für mich ohnehin nur 24 Stunden dauern konnte (so wähnte ich), die Vorstellung von Nachmittagskaffee und einer Partie Sechsundsechszig. Welche Illusionen!

Der Berg war wieder sehr hoch. Wir passirten zunächst im Hinaustreten aus der Stadt ein triumphbogenartiges, höchst pittoreskes Portal, hinter dem sich (schon am Abhange des Citadellberges) die Kathedrale, eine mächtige Jesuiterkirche, erhob. Ich suchte mir ihr Bild einzuprägen, reckte den Hals und stieg immer höher; alles im Geschwindschritt. In Freiheit — bei attestirter Herz- und Lungenschwäche — hätte ich geglaubt, auf dem Platze bleiben zu müssen; hier ging es. Auf dem niedrigen aber breiten Mauerwerk, das den Weg einfaßte, streckten sich die dienstfreien Mannschaften der Citadelle und schliefen in den allerwunderlichsten Positionen. Die meisten lagen auf dem Bauch und hatten ein oder auch beide Beine rechtwinklig in die Höhe. An ihnen vorbei, über eine Zugbrücke hin, mündete der Weg endlich auf einen Vorplatz, den allerhand Bauten unregelmäßig umstanden. An der einen Steinwand, dicht neben einem schmalen Thorwege, hing ein Brett mit verwaschener Inschrift: Prison militaire.

Das sah nicht sehr einladend aus; meine Hoffnungen sanken jetzt rapide, wie das Wetterglas bei Erdbeben. Die Ablieferung erfolgte unter den üblichen Formalitäten und ein alter Sergeant führte mich an ein langgestrecktes Haus mit fünf Thüren, deren Inschriften auf Prévenus, Disciplinaires und Condamnés lauteten. Es hatte aber mit diesen Unterschieden nichts auf sich, alles wurde durch einander geworfen. Nachdem wir in die verschiedenen Thüren hineingeguckt, kehrten wir endlich zur ersten zurück, und der Sergeant belehrte mich dahin, daß ich hier zu wohnen haben werde. Es war ein gewölbter Raum von bedeutender Tiefe, in dem damals 12 Pritschen standen; auf der zwölften befand sich ein Berg von Strohsäcken; ein Dutzend Gefangene gingen im Zimmer auf und ab oder saßen auf den Bettständen umher. Mein Eintreten machte nicht das geringste Aufsehen; man war an solche Erscheinungen gewöhnt. Ich legte mein kleines Bündel (mein Reisegepäck war in Toul geblieben) auf ein Wandbrett und setzte mich, um mich von der Anstrengung des Bergsteigens zu erholen. Die erste Anfrage, die an mich erging, war: »ob ich mich für die »Abendsuppe« einschreiben lassen wolle«, was ich ohne Weiteres ablehnte, da ich doch mindestens dieselben Ansprüche wie in Neufchateau und Langres auch an dieser Stelle glaubte erheben zu können. Ich begab mich denn auch in das Büreau des Vorstandes, welcher letztere den Titel »Monsieur le Principal« führte und stellte ihm mein Anliegen vor, das auf ein Zimmer und selbstständige Beköstigung lautete, aber rundweg abgeschlagen wurde. Dies sei unmöglich. In einem prison militaire existire dergleichen nicht.

Gut. Ich kehrte auf meinen Bettplatz zurück, kreuzte die Hände über’m Knie und starrte in’s Blaue, soweit dies an diesem Orte möglich war. Nach einer halben Stunde, auf ein Signal, das mir entgangen war, stürzte alles auf den Hof und kehrte nach 2 Minuten mit der schon erwähnten »Abendsuppe« zurück, die ich so stolz abgelehnt hatte. Ich sollte indeß nicht zu kurz kommen. Ein junger badischer Gefreiter, mit dem ich mich gleich in den ersten Minuten bekannt gemacht hatte, stellte einen glücklich eroberten Kübel vor mich hin und forderte mich auf zu kosten. Ich mußte es schon Artigkeits halber. Es war heißes Wasser, mit Brot und Kartoffel, durch etwas Salz und Zwiebel schmackhaft gemacht. Ich aß und nahm von da ab an der allgemeinen Gefangenenkost Theil. Sie bestand in einer Fleischsuppe Morgens und einem halben Laib Brod. Wein, Käse und die Abendsuppe waren erlaubte Extras, für die aber gezahlt werden mußte. Mir wurde später (als ich leicht erkrankte) Thee bewilligt; aber dabei blieb es. Ich habe dies ohne besonderes Herzeleid ertragen und an mir selber wieder die alte Wahrnehmung gemacht, daß die sogenannten »verwöhnten Leute«, wenn sie nicht absolute Gecken sind, sich in den Wechsel der Glücksumstände am leichtesten finden. Die Bekanntschaft mit den Finessen und Delikatessen des Lebens macht zuletzt ziemlich gleichgiltig dagegen; ihr Werth ist ein relativer, oft geradezu ein imaginairer, und die flüchtigste Erkenntniß davon macht es einem verhältnißmäßig leicht, diese Art von Opfer zu bringen.

Es hatte freilich bei dieser Art von Opfern nicht sein Bewenden; Härteres, sehr Hartes wurde mir zugemuthet. Indessen es sei drum. Die Dinge liegen hinter mir, und es thut nicht gut, ja es schädigt einen geradezu, die ganze petite misère eines solchen Daseins auf den Tisch zu legen. Misère weckt Mitleid, aber auch dégoût. Es ist, als ob es auch von diesen Dingen hieße: aliquid haeret. Ich lasse Gras darüber wachsen und führe lieber Erlebnisse vor, über die leichter und lachender zu berichten ist. Ich beginne mit Schilderung einzelner Persönlichkeiten, die mir das Schicksal zu Bettgenossen gab. Mit einigen war ich die ganze Zeit über, volle 18 Tage, zusammen, andere schieden früher, theils um ihre Freiheit wiederzufinden, theils um in Kriegsgefangenschaft landeinwärts geführt zu werden.

Ich lasse dem deutschen Elemente, das anfangs ziemlich stark vertreten, zuletzt nur noch in einzelnen Exemplaren vorhanden war, den Vortritt. An der Spitze desselben, nicht seinen Jahren, aber allem andern nach, stand der junge badische Gefreite, »le caporal badois«, dessen ich schon erwähnt habe. Wir schlossen eine Freundschaft, soweit dies der Altersunterschied zuließ.

Er war aus Pforzheim, eines reichen Fabrikanten Sohn, und würde, frischen, braven Herzens wie er war, nach dem Vorbilde der »400 Pforzheimer« gewiß tapfer gefallen sein, wenn ihn das Schicksal in eine ähnliche Situation gestellt hätte. Aber gleich im ersten Gefecht, das er mitzumachen hatte, war ihm der Auftrag geworden, nicht in Gemeinschaft mit 399 andern, sondern ganz allein, eine Munitionscolonne aus Saint-Dié, wenn ich nicht irre, herzubeordern; auf diesem Einsamkeitsmarsche war er durch ein Dutzend Franctireurs umstellt und gefangen genommen worden. Seine äußere Erscheinung ließ ihn im ersten Augenblick kaum als reicher Leute Kind erkennen. Der badische Waffenrock, den er trug, saß noch schlechter als ein preußischer (was viel sagen will) und in Folge dicker Leibbinden und Unterhosen hatte sich das ganze Brust- und Rückenstück des Rockes nach oben geschoben. Der Eindruck davon verschwand aber in demselben Moment wo er lachte, und er lachte viel. Er präsentirte dann vier Schneidezähne, die nur an den Rändern leise lädirt, eine feine kaum haarbreite Goldeinfassung erhalten hatten. Unverkennbar ein zahnärztliches Meisterstück und muthmaßlich enorm theuer. Diese vier Zähne wirkten wie die Visitenkarte eines Banquiersohnes. Wir waren fast 14 Tage zusammen und plauderten das Mannigfachste durch. Er schwärmte für Preußen, hielt uns ohne Weiteres für ein Heldengeschlecht und hatte bei seinem ersten Verhör dem Colonel eine Rede in diesem Sinne gehalten, die freundlich aufgenommen und ein paar Tage später in den Lokalblättern von Besançon in nuce gedruckt worden war. Ich muß hinzufügen, daß er geläufig französisch sprach. Dies alles war gut; aber weitaus am meisten interessirte es mich doch, wenn er leuchtenden Auges über den Juwelenhandel einen kleinen Vortrag hielt. Dann erschloß sich mir eine neue Welt. Gerade auf diesem Gebiet hatte ich wenig Gelegenheit gehabt, mich zu orientiren. So jung er war, so sprach er doch von Smaragden, wie andere junge Leute von schönen Augen sprechen. Er schilderte mir einen Besuch in einem Pariser Juwelenladen, den er im Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des Krieges, gemacht hatte, wobei ihm die Sorglosigkeit, mit der die Besitzer ihr Geschäft betrieben, das Imponirendste gewesen war. Auf eine bloße Empfehlungskarte hin, hatte man ihm für 6000 Francs Smaragden mit nach Pforzheim gegeben, alles rasch und sans phrase, während junge und alte Juwelenkäufer (meist Juden) an den andern Tischen des Lokals standen, die Diamanten aus ihren Baumwollpacketen herausnahmen, nebeneinander auf die flache Hand legten und minutenlang sich in den Anblick dieser Herrlichkeit vertieften; dabei zugleich jede kleinste Werth- und Schönheitsnüance erkennend. »Das Bijouterie-Geschäft«, so schloß er wohl, »hat seine Reize, aber es ist klein, ärmlich, prosaisch neben dem Steinhandel.«

Ein zweiter Deutscher unserer Colonie führte den Namen: »le cocher de Bismarck«. Er trug ein ächt preußisches Kutscher-Costüm mit Stulpstiefeln, Wappenknöpfen und breiter Goldborte, und war in der Nähe von Epinal, auf Spionage hin, verhaftet worden. Eine wunderliche Figur, gutmüthig und schlau zugleich; bei Fritzlar im Hessischen zu Hause. Was ihn mir interessant machte, war, daß er 17 Jahre lang als Kunstreiter-Groom die Loissets, die Franconis, die Cinisellis begleitet hatte. Ich darf sagen, in jeder Stadt Europas über 50,000 Einwohner war er gewesen; er wußte in Petersburg, Konstantinopel und Lissabon gleich vortrefflich Bescheid, sprach ein gutes Französisch, ein leidliches Englisch und hatte von allen andern Sprachen wenigstens eine oberflächliche Kenntniß. Ich muß bemerken, daß er niemals den Gesellschaften als solchen, sondern immer nur einem einzelnen hervorragenden Mitgliede derselben als Reitknecht und Pferdepfleger angehört hatte. Die längste Zeit über war er bei einem ungarischen Schärpen- und Reifenspringer gewesen, von dem er mit ungeheuchelter Hochachtung sprach. Er betrachtete dies alles als ernsthafte Kunst, lobte die Ordnungsliebe, die Sauberkeit, die Gewissenhaftigkeit seines Herrn, stellte der Mehrzahl der Damen die glänzendsten Tugendzeugnisse aus und ließ mich wieder recht empfinden, wie sehr wir Draußenstehenden auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten mit unsern Vorstellungen in die Irre gehen. Die Welt ist oft schlechter als wir sie nehmen, aber noch öfter vielleicht ist sie besser.