2. Lyon.
Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm?
Das ist Sturm.
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Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf,
Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich Dich nicht hören darf,
Mein tief aufdonnerndes Meer.
Strachwitz.
In aller Frühe war ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine junge Frau, die Besitzerin eines nahe gelegenen Cafés, erscheinen, die nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel, da ich nach gerade einzusehen begann, daß der officier supérieur sein Patent weniger aus dem Portefeuille, als aus dem Portemonnaie zu beweisen habe und daß überall räthselvoll-geheime Beziehungen zwischen den Gefängniß-Autoritäten und den nahegelegenen Restaurants beständen. Wer diese für sich hatte, hatte sich alsbald auch die Geneigtheit jener erworben: mit Liberalität gelangte man fast bis an die Grenzen der Libertät.
Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich ein Gefallen fand, that mir wohl und war jederzeit wie ein Lichtschein, der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel. Ich sog mir noch einen besondern Trost daraus, da ich offen bekennen will, die Tage meines Aufenthalts in Lyon unter einem beständigen Herzschlagen zugebracht zu haben. Ich war durch lange Unterhaltungen, die ich in Besançon geführt, noch mehr durch die Lyoner Journale, die ich während der letzten Tage auf der Citadelle regelmäßig zu lesen pflegte, über die Stimmung der Rhone-Hauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte bereits die Masse, oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt, die Herrschaft an sich zu reißen. Vor drei Tagen war das Redaktionslokal des »Salut public«, vor fünf Tagen die Wohnung des für imperialistisch geltenden Divisions-Generals vom Volke gestürmt worden; ich konnte, Angesichts dieser Thatsachen, die Frage nicht los werden: »was nun, wenn diese Septembriseurs in die Gefängnisse einbrechen und furchtbar Musterung halten?« Hinterher ist über solche Anwandlungen von Furcht gut lachen, im Momente selbst aber war die Situation alles andere eher als lächerlich.
Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angethan war, das fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnißvorstandes, kamen, um mit mir zu politisiren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren Formen, aber ersichtlich aufgeregt und zerstreut.
Endlich sollt’ ich erfahren, was die Ursache war: »Bazaine hatte capitulirt«; die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle. Einige Stunden später ward es mir gegenüber wieder bestritten, aber nur, weil man es bestreiten wollte. Ich war übrigens fast eben so aufgeregt, wie die Franzosen, die kamen und gingen.